Venezuelas Soziölismus: Die Chavistas ruinieren den Ölkonzern PDVSA


Venezuela könnte reich sein, doch die linke Staatsführung ruiniert den wichtigsten Ölkonzern des Landes. Das Volk reagiert mit blutigen Unruhen. Von Claus Hecking für DIE ZEIT

Hamburg – Nur an der Tankstelle ist Venezuela noch ein Paradies. Im Frühjahr tobten Straßenschlachten zwischen Gegnern und Anhängern des linkspopulistischen Staatschefs Nicolás Maduro. Mindestens 17 Menschen sind getötet, Hunderte verletzt worden. Immer öfter rationieren Händler den Verkauf von Lebensmitteln: Von Milch über Mayonnaise bis Speiseeis. Doch die Zapfsäulen des staatlichen Ölmonopolisten PDVSA zeigen seit 17 Jahren dieselben Spottpreise: 0,097 Bolívar (umgerechnet 0,011 Euro) kostet ein Liter Super, Diesel ist noch billiger. So etwas gibt es nirgendwo sonst auf der Welt. Und bald wohl auch in Venezuela nicht mehr.

Gerade hat „Hugo Chávez’ Sohn“, wie sich Maduro nennt, „gerechte Preise“ für Benzin angekündigt. Der hoch subventionierte Sprit dürfte also teurer werden, womöglich um das 15- bis 25-Fache. Und das mitten in der Staatskrise, bei bereits 56 Prozent Inflation. Vor allem aber ist der Benzinpreis in Venezuela sakrosankt. 1989 löste seine Erhöhung Krawalle mit mehreren Hunderten Toten aus. Aber die Regierung und ihr maroder Ölriese PDVSA sehen keinen anderen Weg aus der Misere.

Einzige Instandhaltungsmaßnahme: Alles rot anstreichen

Venezuela droht die Pleite. Die PDVSA – Eigentümerin der größten Erdölreserven der Welt – liegt danieder. An die 300 Milliarden Barrel (je 159 Liter) lagern in Venezuelas Boden, mehr als in Saudi-Arabien. Doch die PDVSA schafft es nicht, den Schatz zu heben. Ihre Ölproduktion sinkt von Jahr zu Jahr. Förderte der Staatskonzern 2006 im Tagesdurchschnitt 3,3 Millionen Barrel, waren es 2013 der Internationalen Energieagentur zufolge nur noch 2,5 Millionen Barrel, nach 2,75 Millionen Barrel im Jahr davor. Das ist eine Katastrophe für den Staat, dessen Deviseneinnahmen zu 90 Prozent aus dem Verkauf des Öls stammen und dessen Haushalt die PDVSA zu fast 60 Prozent finanziert.

„Die Henne der goldenen Eier“ nannten die Venezolaner früher ihren staatlichen Ölkonzern. Heute steht die goldene Gans für die Misswirtschaft der Chavistas. Seit die Linkspopulisten das einstige Paradeunternehmen kontrollieren, fällt die Ölausbeute. Kosten und Schulden steigen dramatisch. Noch zur Jahrtausendwende war „die PDVSA einer der effizientesten, finanzstärksten Konzerne“, sagt Igor Hernández, Energieökonom der Privatuni IESA. „Jetzt ist die Produktion je Mitarbeiter so niedrig wie seit 1948 nicht mehr.“

Hinzu kommen zahlreiche Unglücke. Etwa im Sommer 2012, als die Druckwelle einer Explosion die Karibikstadt Punto Fino erschüttert. Der Himmel über der PDVSA-Raffinerie Amuay steht in Flammen, nachdem sich ein Gasleck entzündet hat. 47 Menschen kommen ums Leben. Zwar spricht die Regierung von Sabotage, doch angesichts der schwarzen Serie der PDVSA glaubt ihr kaum jemand.

Mehr als 100 schwere Brände, Explosionen oder Lecks und mindestens 81 Tote haben Beobachter gezählt, seit der Staat 2002 den Konzern unter Kontrolle gebracht hat. Der Industrievereinigung OGP zufolge sind die Unglücksquoten sechsmal höher als bei den Ölfirmen der Nachbarländer. Die Sicherheit werde sträflich vernachlässigt, klagt der Gewerkschaftsführer des Unternehmens, Francisco Luna. „Alles ist verrostet, Teile werden erst ersetzt, wenn sie kaputtbrechen“, klagt er. „Die einzige Instandhaltungsmaßnahme ist, alles rot anzustreichen.“

Rot ist die Farbe der Linkspopulisten, und auch die der PDVSA, seit 2003 ein Streik Tausender Mitarbeiter gegen Chávez scheiterte und der Präsident die Ölfirma rigoros zu politisieren begann. Zuerst ersetzte Chávez eine Reihe Topmanager durch Günstlinge, angeführt von seinem Energieminister Rafael Ramírez. Dann ging es auch unteren Chargen an den Kragen. Rund 20.000 Ingenieure, Geologen oder Chemiker verloren ihre Jobs. Tausende wanderten aus: nach Kanada, Kolumbien, in die USA. „Geht nach Miami“, rief ihnen Chávez später hinterher. Riesige Banner mit seinem Konterfei wurden am PDVSA-Tower in Caracas angebracht. Und der „Comandante“ kündigte an, er werde das Erdöl „dem Volk zurückgeben“.

Sozialprojekte und Kampfjets

Die Armutsrate in Venezuela ist auch deutlich gesunken – von 49 Prozent 2002 auf 29 Prozent 2011. Denn neben 175 Milliarden Dollar Steuern musste die PDVSA zwischen 2005 und 2012 weitere 42 Milliarden Dollar für Sozialprojekte abführen. Zudem flossen 57 Milliarden Dollar an den dubiosen Staatsfonds Fonden, der auch in russische Kampfjets investierte. Die Kassen der PDVSA waren für vieles gut: Schiffe bauen, Rinder züchten, Soja anpflanzen, Wahlkampagnen unterstützen. All das im Namen des „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“.

Für große Investitionen war dagegen fast kein Geld mehr da – obwohl ein wahres Öl-Dorado erschlossen werden sollte. Im sogenannten Orinoco-Gürtel ruhen 220 Milliarden Fass teerartiges Schweröl. Zwar gibt es einige Kooperationen mit internationalen Investoren, die Kapital und Technologie bereitstellen könnten. Doch seit einige US-Konzerne außer Landes gejagt wurden, halten sie sich zurück. Dem Branchendienst Platts zufolge produzieren die Joint Ventures am Orinoco pro Tag heute nur 6.000 statt der geplanten eine Million Barrel Öl. Gleich drei Partner – Lukoil und Surgutneftegaz aus Russland sowie Petronas aus Malaysia – sind kürzlich ausgestiegen. Die ZEIT wollte von der PDVSA wissen, wie das zu bewerten sei. Der Konzern reagierte allerdings nicht auf wiederholte Anfragen.

Auf der überalteten Website des Ölkonzerns stehen noch die Ziele, die 2005 vorgegeben wurden. Im Jahr 2012 sollte die Produktionsmenge bei täglich 5,8 Millionen Fass liegen. Tatsächlich schaffte PDVSA nicht mal die Hälfte. Damit entgehen ihr und dem Staat jährlich locker 50 Milliarden Dollar Profit. Auch das, was übrig bleibt, fließt nur zum Teil in die eigene Kasse. 250.000 Fass täglich muss die PDVSA an China liefern, um damit einen Milliardenkredit an den Staat zu tilgen. Eine weitere Viertelmillion geht zu Sonderkonditionen an Kuba, Bolivien und andere befreundete Staaten.

Und 600.000 Fass verbraucht, nein, verschleudert Venezuela selbst. Hunderttausende US-Straßenkreuzer und Pick-ups oder Geländewagen aus den 1970er Jahren kurven im Land umher; graue Schwaden qualmen aus den Auspuffen der Spritschlucker. Neue Autos sind wegen des Einbruchs der Landeswährung, der Devisenkontrollen und der Zölle Luxus. Außerdem ist Benzin bislang so billig, dass es nach Kolumbien geschmuggelt wird und brennende Benzinfässer schon mal die Warnlampen an Baustellen ersetzen. Es kostet die Verbraucher ja fast nichts. Dafür allerdings zahle die PDVSA jährlich 12 Milliarden Dollar, sagt Ökonom Hernández, der davon ausgeht, dass Maduros Regierung dem nun ein Ende setzen werde.

Sonst könnte die goldene Gans PDVSA kollabieren. Gut 40 Milliarden Dollar Schulden hat der Konzern in elf Jahren Sozialismus angehäuft. Woher soll er die 257 Milliarden Dollar nehmen, die er bis 2019 in Erhalt und Erschließung investieren muss?

Die Rating-Agentur Standard & Poor’s bewertet die Anleihen des Konzerns mit „B-„, also als hoch spekulativ, und warnt vor einer weiteren Herabstufung. „Wir glauben nicht, dass die Regierung ihre starke Einflussnahme verringert“, sagt Analystin Fabio Ortiz, und Venezuelas Präsident bestätigt diese Einschätzung. Kürzlich trat Maduro vor seine Anhänger, um große Neuigkeiten vom Orinoco-Gürtel zu verkünden. „Ich habe entschieden“, so sagte er, „dieses Ölfeld heute und für immer nach Hugo Chávez zu benennen.“ Damit die Venezolaner nie vergessen, wem sie das alles verdanken.

Aus DIE ZEIT Nº 11/2014, 7. März 2014

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