Ein bisschen Gas muss sein


Erdgas gilt als Wunderwaffe für die Zeit nach dem Erdöl. Und tatsächlich haben neue Techniken weltweit eine goldene Ära des Brennstoffs eingeleitet. Mit einer Ausnahme: Deutschland. Von Claus Hecking und Michael Gassmann, 14.6.2012

Hürth-Knapsack – Jürgen Tzschoppe starrt durch seine Schutzbrille auf das Gewusel unter ihm. Metallspäne fliegen, Funken sprühen, 500 Menschen hämmern im Industriepark Hürth-Knapsack Deutschlands modernstes Gaskraftwerk zusammen. „Die technische Faszination so eines Baus ist enorm“, sagt Tzschoppe, Deutschland-Chef des norwegischen Stromkonzerns Statkraft. „Aber heute würden wir diese Investitionsentscheidung so nicht mehr treffen.“

Ganze anderthalb Jahre ist es her, dass Statkraft auf Tzschoppes Initiative den Bau von Knapsack II beschlossen hat. Aber gerade musste der Konzern eine Sonderabschreibung über 140 Mio. Euro auf seine Gaskraftwerke vornehmen, die fast alle in Deutschland stehen. Ein erheblicher Teil davon geht auf Knapsack II – ehe das Kraftwerk auch nur eine Kilowattstunde Strom produziert hat.

Erdgaskraftwerke, selbst die modernsten, sind kein gutes Geschäft in Deutschland. Auch als Heizstoff verliert Gas Marktanteile. Und als Ersatz für Benzin hat der Treibstoff hierzulande nie reüssiert. Im vergangenen Jahr wurden ganze 6300 neue Erdgasautos zugelassen. Gas ist out. Es geht unter im Wettbewerb gegen den hoch subventionierten Solarstrom und die billige Braunkohle. Zu teuer.

Dabei sollte Erdgas die Stütze von Angela Merkels Energiewende sein: die Stromlücke füllen, die beim Abschalten der Atommeiler entstehen wird. Die Wunderwaffe. Alle waren für den Brennstoff, der weniger der Umwelt schadet als etwa Kohle: Greenpeace, die Energieverbände, die Regierung. Eingetreten ist das Gegenteil. Erdgas ist hier die Verlierer-Energie schlechthin. Um 13 Prozent ist der Verbrauch im Vorjahr gesunken. Ein Kontrast zu dem, was im Rest der Welt geschieht.

Die nicht zur Euphorie neigende Internationale Energieagentur (IEA) überschrieb ihren jüngsten Ausblick mit: „Treten wir in ein goldenes Zeitalter für Erdgas ein?“ Und das Fragezeichen könne getrost wegfallen, so IEA-Direktorin Maria van der Hoeven, wenn die Gasförderer nur einige Umweltstandards beachten: bei der Förderung von unkonventionellem Gas, das aus Schiefer- oder Tonschichten gewonnen wird.

Lange war das nicht möglich. Heute ist unkonventionelles Gas einer der wichtigsten Rohstoffe. Die Vorräte reichen für 250 Förderjahre. Wird das Gas in Kraftwerken zu Strom gemacht, erzeugt es nur ein Drittel der Treibhausgase, wie sie etwa Braunkohle verursacht. Und es ist über den Globus ziemlich gleichmäßig verteilt – mit Vorkommen in China, den USA, Russland, Afrika, dem Nahen Osten und Europa.

Dank neuer Techniken ist die Förderung wirtschaftlich. Sie ist sogar so günstig, dass die USA nach gigantischen Schiefergasfunden vor dem größten Umbruch ihrer Industriegeschichte stehen könnten. Rund 60 Prozent der Förderung entfallen auf die neuen Quellen, die für konkurrenzlos preiswerte Energie sorgen und eine industrielle Renaissance beflügeln.

Am amerikanischen Gashandelsmarkt Henry Hub liegt der Großhandelspreis derzeit bei etwa einem Viertel des Niveaus in Europa. Das zieht auch die Strompreise nach unten. „Der Großhandelspreis für Strom ist gegenüber 2010 um ein Drittel gesunken, und der Schlüssel dazu ist das Zehn-Jahres-Tief der Erdgaspreise“, schreibt Myriam Affri, Energieexpertin der Ratingagentur Fitch. Die energieintensive Industrie in Europa registriert das aufmerksam. BASF hat Beteiligungskäufe in Nordamerika angekündigt.

Der globale Gasboom wird nicht auf die USA beschränkt bleiben. Die Weltnachfrage dürfte in den nächsten 25 Jahren um gut 50 Prozent auf 5,1 Milliarden Kubikmeter jährlich stiegen, erwartet die IEA.

Doch an Deutschland geht das vorbei.

Gleich gegenüber von Knapsack dampft und raucht es kräftig; ein alter Kohlemeiler produziert Strom rund um die Uhr. Ein merkwürdiger Anblick für Tzschoppe: Er selbst musste gerade ein Gaskraftwerk in Emden stilllegen, obwohl es pro Megawattstunde nur etwa halb so viel CO2 ausstößt. „Es kann doch nicht die Idee der Energiewende sein, dass jetzt die alten Kohlekraftwerke laufen“, sagt der Manager. Aber er kann nicht mithalten beim Preis: Laut Tzschoppe können Braunkohle- und Atommeiler eine Megawattstunde mit variablen Kosten von 25 bis 30 Euro produzieren, Steinkohlekraftwerke für 45 Euro. Der gleiche Gasstrom kostet Statkraft rund 60 Euro, und 90 Prozent davon gehen für den Rohstoff drauf.

Denn Erdgas kommt nach Deutschland fast ausschließlich über Pipelines, meist aus Russland. Der Preis dafür ist an den Ölpreis gekoppelt, und Erdöl ist so teuer wie nie. In den USA hingegen, wo es eine freie Preisbildung gibt, ist Erdgas so billig wie seit Jahrzehnten nicht. Aber Tzschoppe kommt nicht an das Gas heran. Weil es keinen Weltmarkt dafür gibt. Genauer gesagt: Weil sich Deutschland kaum an dem gerade entstehenden Weltmarkt beteiligt.

Der Handel wächst rasant: vor allem wegen der besseren Transportmöglichkeiten von Erdgas in flüssiger Form, LNG. In Japan, Spanien, Italien, Großbritannien – überall wurden in den vergangenen Jahren Terminals gebaut, an denen die LNG-Monstertanker anlegen können, in denen die Flüssigkeit in Gas zurückverwandelt wird.

Deutschland hat keinen einzigen solchen Hafen. Und in einen sinkenden Markt hinein will kein Investor einen neuen bauen. Die Verbraucher haben nämlich längst auf die hohen Gaspreise reagiert. Immer weniger Bauherren entscheiden sich heute noch für eine Gasheizung. 2011 wurde in weniger als jeder zweiten Neubauwohnung eine solche Anlage eingebaut. Noch vor zehn Jahren betrug der Anteil 75 Prozent.

Dazu kommt die Konkurrenz durch Erneuerbare, die in Deutschland so stark ist wie nirgends. So konnten Wärmepumpen, die Umgebungswärme nutzen, ihren Marktanteil bei Heizungen seit 2001 von 0,8 Prozent auf 23 Prozent ausbauen. Und immer mehr Bauherren verzichten gleich ganz auf die Heizung: Inzwischen stehen über 20 000 Passivhäuser in der Bundesrepublik.

Auch in der Stromerzeugung geht das Wachstum der Erneuerbaren ironischerweise vor allem auf Kosten von Gas. Traditionell verdienen Gaskraftwerke ihr Geld mit der Spitzenlast: zusätzlichem Strom, der über den Durchschnittsbedarf hinaus kurzfristig gebraucht wird, meist zur Mittagszeit, wenn die Fabriken auf Hochtouren produzieren. Weil Gaskraftwerke viel schneller anfahren können als Kohle- oder Atommeiler, haben sie bislang einen Großteil der Spitzenlast abgedeckt. Jetzt haben sie neue Konkurrenz: Hunderttausende neue Solaranlagen auf deutschen Dächern und Feldern. Die produzieren gerade mittags viel Strom, sofern die Sonne scheint. Und sie werden immer mehr. 2011 sind Solarparks mit einer Spitzenleistung von mehr als 7500 Megawatt ans Netzt gegangen – das ist fast die 20-fache Kapazität von Knapsack II.

Die hoch subventionierten Solarstromerzeuger genießen Einspeisevorrang in die Netze, sie haben fast keine Betriebskosten und nehmen den Gaskraftwerken Marktanteile weg. Das alte Statkraft-Kraftwerk Knapsack I lief 2011 noch 3600 Betriebsstunden, satte 1000 Stunden weniger als 2010. „Immer mehr Gaskraftwerke sind aus dem reinen Verkauf von Energie nicht mehr refinanzierbar“, sagt Tzschoppe. Also werden keine neuen mehr gebaut.

Das Problem allerdings: Wenn der Himmel bedeckt ist, gibt es kaum Solarstrom, und die Industrie braucht trotzdem Elektrizität. Der Bau moderner Gaskraftwerke wäre nötig, ist politisch gewünscht. Und doch zögert die Politik bisher, die Erschließung unkonventioneller Gasvorkommen in Deutschland zu erlauben – die wohl einzige Chance, den Trend umzukehren. Die Vorbehalte gegen das Fracking, das Lösen des Gases aus dem Gestein, sind groß. Gegner fürchten Umweltschäden, eine Verseuchung des Grundwassers.

Das Zögern frustriert die Branche. „Für mich wird da eine Phantomdiskussion geführt“, sagt Wilhelm Bonse-Geuking, der frühere Europa-Chef von BP. „Die Grundwassersicherheit muss gewährleistet sein, das ist selbstverständlich. Mir ist aber kein Fall bekannt, in dem Fracking in Deutschland oder Europa zu einer Verunreinigung des Grundwassers geführt hätte.“ Bürgerinitiativen und Wasserversorger wie Gelsenwasser sehen das anders.

Und so wollen Konzerne wie Eon nun sogar drei Gaskraftwerke abschalten. Müssen die Investoren hierzulande um ihre neuen Projekte bangen, Konzerne wie Statkraft. „Die Unsicherheit ist momentan groß“, sagt Jürgen Tzschoppe.

Die Besichtigung ist zu Ende, auf dem Rückweg zum Auto kommt er an einen riesigen Kühlturm vorbei: dem Überbleibsel eines Uralt-Braunkohlekraftwerks. „Die haben drinnen ein Parkhaus eingerichtet. Sonst gab es keine Verwendung mehr dafür.“

Ob Knapsack II dieses Schicksal erspart bleibt?

Financial Times Deutschland, 14.6.2012

Wie ging es weiter? 2013 hat Statkraft das Kraftwerk offiziell eröffnet. Wegen zu hoher Brennstoffpreise wurde die Anlage jedoch sofort wieder stillgelegt.

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