Dax auf 12.000: Wann endet Draghis Börsenwunder?


Aktualisierung, 24.8.2015: Mittlerweile ist der Dax unter die 10.000-Punkte-Markte gefallen. Aktueller Auslöser ist die Schwäche Chinas, sie deckt die im Kommentar angesprochenen Risiken für die Weltwirtschaft auf.

Der Dax eilt von Rekord zu Rekord. Jetzt noch einzusteigen könnte aber fatal werden. Von Claus Hecking für DIE ZEIT.

Der Stimmungswandel kam punktgenau zum Allzeithoch. »Deutsche Sparer entdecken das Risiko«, meldete die ARD-Börse Mitte Februar – kurz bevor der Frankfurter Leitindex Dax erstmals die 11 000-Punkte-Marke nahm. Das »Investmentbarometer« des GfK Vereins zeigt: 17 Prozent der Anleger halten Aktien neuerdings für attraktiv – mehr als doppelt so viele wie 2011. Die Deutschen bekommen wieder Gelüste auf die Börse.

Zu spät. Dass sich die Kurse der hiesigen Standardwerte seit 2011 in etwa verdoppelt haben, hat den meisten Deutschen nichts gebracht. 2014 hielten nur 8,4 Millionen Bundesbürger Aktien oder Aktienfonds – ein Drittel weniger als in der Euphorie zur Jahrtausendwende. Jetzt, da die Börse wieder Rekorde jagt, liebäugeln Hunderttausende damit, das große Geldmachen nachzuholen. Sie sollten lieber abwarten.

Der Dax auf 11 000, jetzt sogar auf 12.000 Punkte – das hat es noch nie gegeben. Und ja, es gibt ein paar gute Gründe: Viele Konzerne schreiben noch satte Profite. Im Schnitt sind sie an der Börse mit dem 15-fachen Wert ihres erwarteten Jahresgewinns bewertet – das ist hoch, aber nicht abstrus. Rechnet man Dividenden aus dem Dax heraus, steht der Index noch niedriger als zu Zeiten der New-Economy-Blase. »Experten« orakeln schon von den nächsten Traummarken: 13 000, 14 000, 15 000, 30 000 Punkte – wer bietet mehr?

Andere Finanzmärkte spielen den Abschwung durch

Doch all das passt nicht zu den aktuellen Schlagzeilen: dem näher rückenden Staatsbankrott Griechenlands. Der viel beschworenen Deflationsgefahr in der Euro-Zone. Dem Krieg in der Ostukraine, der sich auszuweiten droht. Jedes dieser Risiken könnte einen Crash auslösen, wenn es sich materialisiert. Doch während in den USA die Kurse bereits seit Jahresanfang fast stagnieren, läuft die Frankfurter Börse weiter heiß.

Der Motor heißt Mario Draghi. Seine Europäische Zentralbank senkt die Zinsen und kauft Staatsanleihen. So flutet sie die Märkte mit Geld, bläht die Kurse auf – und macht zugleich bewährte Investments unattraktiv.

Im Alltagsleben bekommen wir zwar kaum Inflation zu spüren. Doch bei der Kapitalanlage ist sie überall präsent, etwa wenn es um Aktien geht oder um die Wohnung in München. Oder um den globalen Anleihemarkt: Dort währt schon seit gut einer Dekade eine Dauerhausse mit stetig steigenden Kursen und fallenden Renditen, die immer skurriler wird. Wer etwa dem deutschen Staat Geld für fünf Jahre leiht, zahlt für die Anleihe neuerdings mehr, als er später zurückerhält. Und wer auf sein Sparbuch statt 0,05 Prozent Zinsen 0,1 Prozent bekommt, macht schon einen guten Deal. Klar, dass verzweifelte Anleger ihr Glück anderswo suchen.

Aber sollten sie jetzt in Aktien gehen? Bei diesen Preisen? Die Börse ist eine Wette auf die Zukunft. Und die sieht für die exportgetriebene deutsche Industrie nicht mehr so rosig aus. Die Weltwirtschaft droht abzuflauen. Internationaler Währungsfonds und Weltbank haben kürzlich ihre Wachstumsprognosen für 2015 wie auch 2016 gesenkt; immerhin erwarten sie noch mehr als drei Prozent. Viel alarmierender ist, dass der Globalisierungsindikator Baltic Dry Index, der die Frachtraten in der internationalen Schifffahrt anzeigt, Ende Februar auf den tiefsten Stand seit 30 Jahren gestürzt ist. Und auch an den lange boomenden Rohstoffmärkten deuten die Kurse seit vergangenem Sommer auf Abschwung hin. Kupfer: minus 20 Prozent, US-Kohle: minus 20 Prozent. Erdöl: minus 45 Prozent. So schnell und radikal können Märkte heute kippen.

Aktien sind grundsätzlich ein gutes Investment. Die Erfahrung zeigt: Langfristig bringen sie oft ordentliche Rendite. Wer aber auf den Dax-Hochs von 2000 oder 2007 einstieg, musste sechs, sieben Jahre lang auf Profite warten – und dazwischen bei Einbrüchen um bis zu 73 Prozent Nerven bewahren. Umso gewagter ist es, ausgerechnet jetzt wieder deutsche Aktien zu kaufen: nach fast 45 Prozent Anstieg in fünf Monaten. Wer zu spät kommt, den bestraft die Börse.

 

Dax-Logo: Deutsche Börse AG

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