Willkommen in Europa!


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Willkommen in Europa!

Zu Tausenden setzen Flüchtlinge übers Mittelmeer in diesen Tagen von der Türkei nach Lesbos über. Auf der griechischen Urlauberinsel wähnen sie sich in Sicherheit. Tatsächlich stranden sie in einem Notstandsgebiet.  Von Claus Hecking für DIE ZEIT.

Update, 07.09.2015: Auf Lesbos harren mittlerweile geschätzte 20.000 Flüchtlinge aus. Zwar sind mittlerweile einige Hilfsorganisationen vor Ort, die sich um das Nötigste kümmern. Wegen der großen Zahl von Menschen sind die Behören aber zunehmend überfordert. Die Regierung in Athen will nun Sonderfähren einsetzen, um bis Ende der Woche rund 12.000 Menschen aufs Festland zu bringen. Die beschriebenen Hitzemärsche haben zum Glück ein Ende gefunden; die griechische Regierung verbietet nicht länger die Mitnahme von Flüchtlingen.

Molyvos, 16.07.2015 – Die Touristen im Promenadencafé kriegen gerade ihren Frühstücks-Latte-macchiato serviert, da tuckert das Schiff der Küstenwache in den Hafen von Molyvos. So wie fast jeden Tag bringt es neue Flüchtlinge in die Urlauberstadt im Norden von Lesbos. Auf eine völlig überforderte Insel, der das Geld ausgeht. In ein fast bankrottes Land.

An Deck drängen sich 43 Syrer: Männer, Frauen und Kinder mit Schwimmflügeln und roten Westen, die noch vor ein paar Minuten hilflos auf offener See trieben. Nun zieht ein Schiff der Küstenwache ihr graues Gummiboot hinter sich her. Die Flüchtlinge sind gerettet. Erst einmal.

Aber was erwartet sie auf dieser Insel, die manche schon das „griechische Lampedusa“ nennen? Und wie kommt es, dass die neue Hauptroute von Flüchtlingen auf dem Weg nach Mitteleuropa ausgerechnet über Lesbos führt – ausgerechnet jetzt, wo Griechenland selbst vor dem Abgrund steht?

Das Boot der Küstenwache legt an der Kaimauer an. Die sechsjährige Meryam lässt sich von einem Mann mit Atemmaske und Plastikhandschuhen an Land heben. Sie streift ihren quietschbunten Plastikrettungsring ab, blickt sich um in der neuen Welt. Ihre Mama hält Zaynab im Arm, Meryams zweijährige Schwester. Leyla Rawadi strahlt vor Freude. Die 32-Jährige wähnt ihre Mädchen und sich jetzt in Sicherheit, sie ist ja in Europa. Aber sie und die anderen Syrer ahnen nicht, was ihnen nun auf Lesbos bevorsteht. Um sie zu schützen, sind die Namen aller Flüchtlinge in diesem Text geändert.

Einige der Ankömmlinge tippen auf ihren Smartphones herum, suchen vergeblich nach einem WLAN. „Wann kriegen wir etwas zu essen?“, fragt eine Frau mit rot lackierten Fingernägeln. Die meisten der Flüchtlinge gehörten daheim zur Mittelschicht: Studenten, Ärzte, Anwälte, Lehrer. Griechenland ist nur Durchgangsstation für sie, fast alle wollen nach Deutschland.

„Wir reisen in die Nähe von Berlin, zu meinem Mann“, sagt auch Leyla Rawadi. Ihr Mann Ahmad, ein Bauingenieur, sei schon im Mai vor dem Bürgerkrieg und den Truppen des „Islamischen Staates“ geflohen. Gleich nach der Ankunft in Deutschland beantragte er eine Familienzusammenführung. Die Behörden beschieden ihm, das könne dauern. Und so hat sich seine kleine Familie auf eigene Faust auf den Weg gemacht: per Schlepperbus nach Beirut, per Schlepperboot nach Mersin in der Türkei, per Schlepperbus nach Izmir und schließlich per Schlepperboot nach Lesbos, für 1.000 US-Dollar pro Kopf.

Bis zu 9.000 Menschen pro Woche setzen laut dem UN-Flüchtlingshilfswerk von der Türkei nach Lesbos über. Rund 77.000 Flüchtlinge sind seit Jahresanfang in Griechenland angekommen. Der Weg über Nordafrika nach Italien ist vielen wegen der anarchischen Zustände in Libyen zu gefährlich. Also versuchen es immer Menschen nun über das östliche Mittelmeer. Und so führt die neue Hauptroute der Flüchtlinge über Lesbos. Die meisten wissen wohl nicht, dass Griechenland mit dem Bankrott kämpft, Banken geschlossen haben und Kommunen das Geld ausgeht.

Im Gummiboot, in dem Leyla Rawadi mit ihren Töchtern saß, fiel fünf Kilometer vor der griechischen Küste plötzlich der Motor aus. Als ihn der zum Steuermann ernannte Flüchtling im Dunkeln reparieren wollte, fiel der Außenborder ins Wasser. Das Gummiboot trieb ab, die rechte Luftkammer war schon recht schlapp, da kamen die Küstenwächter. „Diese Leute haben Glück gehabt“, sagt Rafail Tsamouras, der Chef der Streife. „Wir haben sie rechtzeitig mit den Wärmebildkameras entdeckt. Und wir mussten gerade kein anderes Boot retten.“

Nur ein einziges Patrouillenschiff hat die Küstenwache von Molyvos im Einsatz. Das genügt bei Weitem nicht für 10, 15 oder 20 überfüllte Gummiboote, die in diesem Sommer Nacht für Nacht Lesbos’ Norden ansteuern. Aber für mehr Rettungsschiffe ist kein Geld da. Es reicht ja nicht mal für Essen und Trinken. Würden nicht die Wirtin des Hafenrestaurants Captain’s View und barmherzige Touristen den Neuankömmlingen auf eigene Rechnung Käsesandwiches und Wasser bringen, bekämen die Syrer überhaupt nichts in den Magen.

Und doch haben es Leyla Rawadi und die anderen viel besser getroffen als die, deren Boote unentdeckt irgendwo an Lesbos’ Nordküste anlanden. Diese Menschen erwartet eine Tortur.

Zu Fuß durch die Hitze ins Lager

Dutzende Flüchtlinge schleppen sich die Straße hoch vom Golden Beach zum Bergdorf Sikamenea. Hier, wo die Serpentinen so steil sind, dass Autos nur im ersten Gang hinaufkommen, stapfen sie zu Fuß nach oben, am Straßenrand entlang, Rucksäcke auf den Schultern, die Mittagssonne im Nacken. Es sind 32 Grad, im Schatten, wohlgemerkt. Einige Männer haben sich Hüte aus Pappkartons gebaut. Frauen in schwarzen Burkas tragen im Arm ihre Kinder den Hang herauf. Sie stammen aus dem Nahen Osten, Südasien oder Afrika. Und alle haben ein Ziel: die Inselhauptstadt. Bis dort sind es noch mehr als 50 Kilometer durch die Hitze.

Zu Hunderten sind sie heute auf der Urlauberinsel unterwegs. Zwei Routen führen von den Stränden im Norden, wo Lesbos der türkischen Küste am nächsten ist, zu den zwei Flüchtlingslagern am Südende. Nur dort kriegen die Flüchtlinge das Papier, für das sie alles auf sich nehmen: eine vorübergehende Aufenthaltsberechtigung für sechs Monate in Griechenland. Die Lizenz, um wegzukommen von Lesbos.

Dutzende Autos brausen an den Kolonnen vorbei. Keines stoppt. An diesem Freitag der vergangenen Woche ist es den Fahrern noch streng verboten, Flüchtlinge mitzunehmen. Ein griechisches Gesetz stellt jegliche Hilfe für unregistrierte Migranten unter Strafe. Wer es dennoch tut, verdächtigt sich der Schlepperei. Streng genommen dürfte man den Menschen wohl nicht mal Wasser geben.

Viele Flüchtlinge scheinen das Gesetz zu kennen. „No, no! Police, police!“, ruft eine Frau mit einem Baby auf der Schulter und einem kleinen Jungen an der Hand, als der Wagen des Reporters neben ihr abbremst. Auf ihrer Stirn steht der Schweiß, in ihren Augen die Angst. Sie sieht selbst noch aus wie ein halbes Mädchen. Ein paar Schritte läuft sie weiter. Dann aber dreht sie um, hievt sich und die Kinder doch auf den Rücksitz, ruft ihren Mann, der eine Serpentine weiter ist. Als wenig später das nächste Dorf in Sicht kommt, will die Familie aus Afghanistan aber unbedingt aussteigen: „Vielleicht Polizei.“ Es sind noch 35 Kilometer nach Mytilene. Die Familie wird irgendwo in der Wildnis übernachten müssen.

Dora Tsogali ist erwischt worden von den Hütern des Gesetzes. Vorvergangenen Sonntag nahm die Hafenpolizei von Mytilene die 24-jährige Studentin fest. Sie hatte sieben Afghanen in ihrem Kleinwagen, darunter eine Frau mit zwei Kindern, die im sechsten Monat schwanger war. Die Polizisten beschlagnahmten das Fahrzeug, verhörten Tsogali, sperrten sie für eine Nacht in eine Zelle. Der Staatsanwalt erhob Anklage, vergangenen Donnerstag musste die junge Frau vor Gericht. Die Richterin sprach sie frei. Am Freitag hob Griechenlands Parlament das Transportverbot auf.

Viele Gestrandete werden trotzdem weiter marschieren müssen: Laut der Küstenwache stehen inselweit nur drei Busse für den Flüchtlingstransport bereit. Und wer den ganzen Kraftstoff bezahlen soll, weiß niemand: Die Verwaltung ist pleite. Menschen wie Dora Tsogali werden daher wohl noch viele Touren fahren müssen zu den beiden Flüchtlingscamps auf ihrer Insel. Wohlwissend, dass ihren Passagieren dort das Schlimmste bevorsteht.

Hinter Stacheldraht

„Sit down! Sit down!“, brüllt der glatzköpfige Uniformierte und dirigiert die Männer mit dem Schlagstock zu Boden. Hunderte hocken vor ihm im Staub, am Eingang zum Lager von Karatepe in der Nähe der Inselhauptstadt. Sie hoffen, dass ihr Name endlich aufgerufen wird, dass sie ihr Aufenthaltspapier kriegen, dass sie rauskönnen aus diesem Drecksloch.

Auf den Ruinen eines alten Verkehrsübungsplatzes ließ der Inselbürgermeister vor zwei Monaten ein paar Zelte und Toilettenhäuschen aufstellen. Mit dem erklärten Ziel, „die Flüchtlinge aus dem Stadtzentrum wegzubekommen, damit die Touristen sie nicht mehr sehen“. Weil das offizielle Camp in Moria wochenlang heillos überfüllt war, nächtigten Zuwanderer an Badestränden und in Altstadtgässchen. Vorgesehen war Karatepe ursprünglich für 600 Menschen. Mehr als 2.500 drängen sich an diesem Nachmittag im Camp zusammen; längst ist es in die umliegenden Olivenhaine ausgefranst.

Hinter dem Stacheldrahtzaun riecht es nach allen erdenklichen menschlichen Ausscheidungen. Frauen waschen sich in einer grünlichen Pfütze, zwischen den Zelten stapeln sich leere Plastikflaschen, Chipstüten, Melonenschalen und sorgfältig abgenagte Hühnerknochen. Als Dienstag vergangener Woche der Lieferwagen mit dem Abendessen kam, plünderten ihn Hunderte ausgehungerte Bewohner aus. In den Tagen darauf wurde Karatepe gar nicht mehr versorgt.

Mohammed Mansour, seine Frau, sein Sohn und seine Schwiegertochter hocken auf der Erde. Sie kochen auf einem Pappkartonfeuer Dosenlinsen aus dem Lidl-Supermarkt bei Karatepe. „Unser ganzes Leben lang haben wir noch nie so etwas mitgemacht“, sagt der 51-jährige Apotheker aus Damaskus. „Wir werden behandelt wie die Tiere. Das ist doch Europa. Warum tun sie uns das an?“

Die Mansours haben ihre Flucht penibel vorbereitet, haben ihre Ersparnisse auf Konten im Ausland geparkt, um auf dem Weg nach Deutschland Hotels und Restaurants bezahlen zu können. Auf Lesbos aber kommen sie ans Geld nicht ran. Alle Banken sind dicht – die Euro-Krise.

Selbst hartgesottene Flüchtlinge sind von Karatepe geschockt. „Come, look“, radebrecht eine Palästinenserin, die jahrelang im Lager Yarmuk bei Damaskus gelebt hat. Sie öffnet ihr blaues, selbst gekauftes Billigzelt. Drinnen staut sich die Hitze, ein acht Monate altes Baby liegt reglos auf einem Pappkarton. Schwärme von Fliegen kreisen um seine Windel herum. Acht Tage wartet die Familie schon hier auf die Ausreisepapiere.

„Wir tun alles, was wir können“, rechtfertigt sich Spyros Galinos. Der 62-jährige Inselbürgermeister saugt an seiner E-Zigarette, pustet den Dampf durch sein dunkles Büro im Herzen Mytilenes. Seine Kommune habe nicht genügend Fingerabdruckscanner, sie habe nicht genug Personal und nicht einen Cent Bares mehr in der Kasse, erklärt der Politiker von der rechtspopulistischen Partei Anel. Lesbos habe nur 86 000 Einwohner. Wie solle man da Tausende Fremde durchfüttern?

„Wir erleben eine humanitäre Katastrophe, und alle lassen uns allein“, sagt Galinos. Schon vor zwei oder drei Monaten habe er Griechenlands Regierung sowie EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker Brandbriefe geschrieben, die große Politik um Unterstützung gebeten. Aber Athen hat kein Geld. Und Brüssel? Junckers Leute teilten mit, man leite die Sache an Dimitris Avramopoulos weiter, den EU-Kommissar für Migration. Sein Landsmann habe sich bis heute nicht gemeldet, behauptet Galinos. Auf Nachfrage der ZEIT hin erklärte Avramopoulos’ Sprecherin am Dienstag: „Eine Antwort ist unterwegs.“ Bürgermeister Galinos fordert nun konkrete Taten: „Wenn wir keine Hilfe kriegen, verlieren wir die Kontrolle.“

Die Seuchengefahr in den Camps wächst mit jedem Tag. Die meisten Toiletten sind Kloaken, hier und da sickert der Inhalt ins Freie. Medikamente gibt es keine. In Karatepe wird ein kleines Mädchen von einer Schlange gebissen. Es überlebt. Vor dem Lagereingang bricht eines Abends ein junger Afghane zusammen. Er liegt am Straßenrand, verliert zeitweise das Bewusstsein. Die herbeigerufene Ambulanz wird nie kommen. Im Inselsüden gebe es nur noch zwei Rettungswagen, einer davon sei in Reparatur, heißt es später im Krankenhaus von Mytilene.

Dorthin transportieren Mitarbeiter einer Hilfsorganisation den jungen Mann im Auto des Reporters. Die Ärzte diagnostizieren eine Nierenkolik: der Stress, die Anstrengung. Der Afghane wird wieder gesund werden. Aber so schnell kommen er und seine Leute hier nicht weg.

Auf und davon

Momin Aslan sitzt am Strand von Mytilene, der 20-jährige Syrer mit dem schulterlangen Haar blickt aufs azurfarbene Mittelmeer. Gestern Abend haben der IT-Student und seine beiden Freunde ihre Papiere bekommen, nach zehn Tagen. Jetzt dürfen sie endlich auf das Schiff nach Athen. Dort wollen sie die nächsten Schlepper suchen. Sie sollen sie nach Mazedonien bringen. Dann wollen sich die Flüchtlinge über Serbien, Ungarn und Österreich nach Deutschland durchschlagen.

Werden die drei bis dahin nicht erwischt, werden sie wohl kaum abgeschoben. Das Dublin-III-Abkommen, wonach Flüchtlinge nur in dem EU- Mitgliedstaat einen Asylantrag stellen dürfen, den sie zuerst betreten haben, gilt nicht für die Einreise über Lesbos. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte untersagt seit 2011 die Rückführung nach Griechenland: wegen der desaströsen Bedingungen. Die Sonderregel lockt viele hierher.

Die Fähre von Mytilene nach Piräus ist gut gefüllt, tags zuvor haben die Behörden reichlich Ausreisepapiere produziert. Zu Dutzenden stehen die Flüchtlinge auf dem Oberdeck, sie lachen und scherzen, lassen sich vor der Kulisse von Lesbos fotografieren, als hätten sie Ferien gemacht. Dann richten sich ihre Blicke nach unten. Ein Boot der Küstenwache legt an, voller Menschen. Der Nachschub wird so schnell nicht versiegen. Drüben in der Türkei halten sich fast zwei Millionen Syrer auf. Viele haben ein gemeinsames Ziel: Deutschland.

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