30 Jahre in der Todeszone


Am 26. April 1986 explodierte Reaktorblock 4 von Tschernobyl. Die Bewohner des Katastrophengebiets wurden evakuiert und umgesiedelt. Einige der Vertriebenen kehrten heimlich zurück in die Sperrzone. Sie leben dort bis heute. Zufrieden. Von Claus Hecking und Tetiana Ihnatenko

Tschernobyl – Die Pilze waren unwiderstehlich. Stundenlang hatten sich Maria und ihr Mann Michailo im Schutz der Nacht durch die verbotene Zone geschlagen. Über Wälder, Bäche und wild wuchernde Äcker, in weitem Bogen um die Soldaten, die alle Zufahrten zum Reaktor von Tschernobyl abriegelten. Und als sie endlich nach Hause kamen in ihre Bauernkate, war das Gemüse im Garten schwarz, wie verbrannt. Dafür sprossen rund um das entvölkerte Dorf Parischiw überall Pilze aus dem Boden: Rotkappen und Maronen, Schmerlinge und Goldröhrlinge, Butter- und Herrenpilze. So viele, so große, so schöne, wie sie Maria und Michailo noch nie gesehen hatten. Die beiden sammelten sie und aßen sie, gebraten oder gesotten, als Suppe oder Ragout, den ganzen Sommer 1986 lang.

»Man hatte uns erklärt, diese Pilze würden strahlen«, erinnert sich Maria Urupa. »Aber das war uns egal. Sie haben köstlich geschmeckt. Und ich lebe immer noch.« Urupas Augen leuchten, eine Katze springt ihr auf den Schoß. 81 Jahre alt ist die Bäuerin, das Alter hat sie klein gemacht, eine winzige Frau mit leichtem Buckel und tiefen Falten. In ihrer Stube ist es düster, an der Wand hängen Ikonen und ein verblichenes Hochzeitsfoto. Urupa sitzt am Holzofen und erzählt. 30 Jahre ist es her, dass sie und ihr Mann heimlich zurückkehrten in die Todeszone, nach Parischiw, in das Katastrophengebiet um das zerstörte Kernkraftwerk, nur ein paar Wochen nach dem Super-GAU. Und Maria Urupa ist sich sicher: Es war die beste Entscheidung ihres Lebens.

P1010020 Maria Urupa. Foto: che

Etwa tausend Menschen sind nach ihrer Vertreibung zurückgekehrt ins Sperrgebiet, illegal. Viele von ihnen waren schon alt, heute wohnen noch etwa 150 samoseli , also »eigenmächtige Siedler« in den vereinsamten Dörfern. Die meisten haben nicht mal fließendes Wasser, sie leben von dem, was die zum Teil kontaminierte Natur hergibt. Und doch sind sie hier glücklich.

Der 26. April 1986: Um 1.23 Uhr nachts gerät Reaktorblock 4 des Wladimir-Iljitsch-Lenin-Atomkraftwerks bei einem Experiment außer Kontrolle. Wegen Bedienungs- und Konstruktionsfehlern setzt binnen Sekunden die Kernschmelze ein, das Kühlmittel verdampft schlagartig, der Druck im Behälter vervielfacht sich, zwei Explosionen zerfetzen die tonnenschwere Stahlbetonhülle. Die Hitze steigt auf mehr als 2000 Grad. Die Grafitstäbe, welche die Kettenreaktion stoppen sollten, fangen Feuer. Der weiß glühende Reaktor speit brennende Trümmer, Asche und radioaktive Gase in die Umwelt; zehn Tage wird es dauern, bis ihn die Liquidatoren, jene Helfer, die von der Sowjetführung nach Tschernobyl geschickt werden, löschen. Viele bezahlen diesen Einsatz mit ihrem Leben.

Insgesamt gelangt 400-mal mehr radioaktives Material in die Atmosphäre als beim Atombombenabwurf auf Hiroshima. Wolken voller strahlender Partikel bilden sich über Tschernobyl, der Wind trägt sie bis nach Nord- und Mitteleuropa. Dort gehen sie als radioaktiver Regen nieder, versetzen Millionen Menschen in Angst: In Deutschland schließen Behörden Spielplätze und Schwimmbäder, verbrennen Bauern ihre Ernte, hamstern Bürger Milchpulver und Jodtabletten. Mehrere Hundert Familien wandern aus. Und die SPD spricht sich erstmals für den Ausstieg aus der Kernenergie aus.

Evakuierte Kinder aus dem Sperrgebiet wurden als »Glühwürmchen« verspottet

Die Nachbarn des Unglücksreaktors erfahren anfangs gar nichts. Die Sowjetführung schweigt. Erst 36 Stunden nach der Kernschmelze evakuiert sie die Stadt Prypjat, die ein paar Fahrminuten nördlich des Reaktors liegt. Am 3. Mai, Tag sieben nach dem GAU, wird die Sperrzone ausgeweitet. Im Umkreis von 30 Kilometern um das Kraftwerk müssen noch mal mehr als 60 000 Menschen ihre Dörfer räumen, darunter auch Maria Urupa und ihr Mann. Busse fahren vor, transportieren die Menschen ab. In drei Tagen könnten sie zurück, versprechen die Uniformierten. Doch dann vergehen Wochen, Monate in der Fremde, und spätestens als viele Entwurzelte in hastig hochgezogene Wohnsilos einquartiert werden, ahnen sie: Ihre Heimat sollen sie nie wiedersehen.

IMG_5175Checkpoint Detjatki, Foto: che

Detjatki, der Militärposten an der Einfahrt zur 30-Kilometer-Sperrzone. »Zugang VERBOTEN«, steht auf dem Schild vor dem meterhohen Zaun, daneben das rote Strahlenwarnzeichen. Ein Uniformierter mit Maschinenpistole patrouilliert, Kontrolleure prüfen Aufenthaltsgenehmigungen und Pässe, öffnen Kofferräume. Schließlich geht die Schranke hoch. Aus Schlaglöchern sprießen Unkraut, Sträucher und ganze Bäume, am Wegesrand verwittern längst geräumte Dörfer.

IMG_5471Überreste eines Moskovich im Dorf Kupovate, Foto: che

Die Dächer sind zusammengebrochen, Moos überwuchert die Ziegelsteine, Holzbalken modern ins feuchte Erdreich. Eine Krähe kreist über den Ruinen, in der Nähe klopft ein Specht. Elche, Seeadler, Wisente und Wölfe leben in dieser Gegend, Uhus, Luchse und Braunbären haben sich wieder angesiedelt, seit die Menschen verschwunden sind. Ein Tierparadies ist die Sperrzone aber nicht: Forscher haben hier nach dem Unglück an einigen Arten Missbildungen und Erbgutschäden nachgewiesen. Mutierte Insekten, Schwalben mit verkümmerten Schwanzfedern und deformierten Schnäbeln.

Die etwa 150 Menschen, die hier noch leben, berichten bislang nicht von auffälligen Krankheiten. Maria Urupa nicht, die in ihrer dunklen Stube sitzt, und auch nicht Hanna Saworotina, die ein paar Kilometer weiter im Dorf Kupovate südöstlich des Reaktors lebt. Aus dem Schornstein ihres hellblauen Hexenhäuschens quillt Rauch. Hühner jagen über den Hof, drinnen duftet es nach warmer Suppe. Hanna Saworotina, 82 Jahre alt, buntes Kopftuch, Faltenrock, schwarze Filzstiefel, kocht gerade Borschtsch. Rote Bete, Zwiebeln, Kartoffeln, Kohl: Alle Zutaten hat sie selbst angebaut. Seit dem Herbst 1986 lebt »Baba Hanna« – Großmutter Hanna, wie sie sich selbst nennt – wieder hier, gemeinsam mit ihrer geistig behinderten Schwester. »Woanders wären wir schon längst gestorben«, sagt sie.

„Erschießt uns und hebt die Gräber aus. Oder wir bleiben.“

Als sie und ihre Familie in den Bus steigen mussten am 3. Mai 1986, wussten auch sie nichts von dem GAU. Sie wurden in einer Stadt nahe Kiew einquartiert, bei fremden Leuten, die Angst hatten, die Menschen aus Tschernobyl könnten strahlen. Die Soldaten mussten sie zwingen, die Vertriebenen hineinzulassen. In der Hochhauswohnung, die Baba Hanna und ihren Verwandten später zugewiesen wurde, hielten sie es nicht lange aus. Heimlich kehrten sie zurück in ihr Heimatdorf. Ihre Angst, verstrahlt zu werden, verflog.

»Alles sah aus wie früher, alles roch wie früher, die Luft war so klar wie früher«, erzählt Baba Hanna. Sie beschloss, nie mehr wegzugehen. Und als nach ein paar Tagen Soldaten kamen und die Siedler aufforderten, das Haus zu räumen, sagte Hanna: »Erschießt uns und hebt die Gräber aus. Oder wir bleiben.«

IMG_5456 Hanna Saworotina, Foto: che

Bis heute stehen in den Ausweisen der samoseli andere Wohnorte, denn offiziell leben diese Menschen nicht in der Zone. Doch der ukrainische Staat duldet sie. Er sorgt dafür, dass sie Strom haben, er schickt bisweilen Offizielle vorbei, welche die Strahlung messen, und er zahlt denen, die darauf Anspruch haben, eine Rente aus.

Das Leben im Sperrgebiet wird einsamer. Viele samoseli sterben, es gibt keine Busse, und immer seltener kommt ein Verkaufswagen vorbei, der Salz bringt, Toilettenpapier oder Streichhölzer. Aber ab und zu trifft sich Baba Hanna mit ihren Nachbarinnen, sie verköstigen einander mit eingelegten Gurken und ein paar Gläschen Selbstgebranntem, und dann schwatzen, scherzen und singen sie zusammen.

Baba Hanna bekommt 1500 Griwna Pension im Monat, rund 50 Euro. Jenseits der Sperrzone würde das nicht reichen. Hier aber hat sie ihr Gemüse, ihre Hühner, manchmal bringen Nachbarn selbst gefangene Fische aus dem Prypjat-Fluss vorbei. Angst, das Essen könnte verstrahlt sein, äußert hier niemand – auch wenn Wissenschaftler nachdrücklich davor warnen. Ihr selbst gehe es gut, sagt Baba Hanna. Dass ihre Beine nicht mehr wollen wie früher, sei normal für eine Frau ihres Alters. »Nicht diese Gegend ist verschmutzt, sondern die Städte«, sagt sie. »Hier werden viele Leute sehr alt.«

Das könnte sogar stimmen. Im Schnitt lebten die samoseli länger als die Evakuierten, die nicht zurückgekehrt seien, behauptet Valeriy Seida, stellvertretender Direktor des Kraftwerks von Tschernobyl. Belastbare wissenschaftliche Studien dafür gibt es nicht. Fest steht aber: Die Entwurzelten hatten enormen Stress. In ihren neuen Wohnorten wurden sie oft diskriminiert. Kinder aus der Stadt Prypjat wurden von Klassenkameraden als »Glühwürmchen« verhöhnt. Schulen untersagten den Eltern monatelang den Zutritt – aus (unberechtigter) Furcht, sie könnten strahlen. Viele Familien wollten heim in die Zone. Aber nach Prypjat kann niemand mehr zurück.

IMG_5543Am Ortseingang von Prypjat, Foto: che

Man hört den Schneeregen auf Dächer fallen, so still ist es heute in der Geisterstadt. Fichten und Birken sprießen durch den Beton des großen Platzes mit dem Kulturpalast. In Prypjat ist die Sowjetunion konserviert. An den Litfaßsäulen kleben Plakate der KPdSU. Hammer und Sichel krönen überlebensgroß einen Wohnblock, drinnen in den Plattenbauten knirscht Schutt unter den Sohlen. Die Hauptstraßen wurden nach dem Unglück dekontaminiert, tonnenweise wurde der verstrahlte Boden ausgehoben. Verlässt man die gesäuberten Straßen, schlägt der Geigerzähler Alarm, steigt die Radioaktivität um das bis zu 500-Fache. Als der Reaktor glühte, wehte der Wind von Süden, er trug die radioaktiven Partikel gen Norden, auf die Stadt zu.

In den Dörfern, in denen Maria Urupa und Baba Hanna leben, ist es anders. Hier im Osten und Südosten des Reaktors war der Fallout relativ gering. Hauptquellen von Radioaktivität wie das Isotop Jod 131, das allein in der Ukraine mehr als 10 000 Kindern Schilddrüsenkrebs beschert haben dürfte, sind mittlerweile fast komplett zerfallen. Die Leiterin des Kiewer Tschernobyl-Museums sagt, die Strahlung betrage im Schnitt nur noch etwa ein Zweihundertstel der Werte kurz nach dem GAU.

»Große Gebiete in der Zone haben heute keine viel höhere externe Strahlenexposition als Bayern«, sagt Peter Jacob, Leiter der deutschen Delegation im UN-Komitee für Strahlungsfolgen, in dem Wissenschaftler aus der ganzen Welt die Auswirkungen radioaktiver Strahlung auf Menschen ergründen. Die natürliche Strahlung in Deutschland liege bei etwa zwei Millisievert pro Jahr, die Belastung in den wenig kontaminierten Teilen des Sperrgebiets betrage vielleicht weitere ein oder zwei Millisievert, sagt Jacob. »Bei einer Dosis von 100 Millisievert steigt die Wahrscheinlichkeit um einen Prozentpunkt, an Krebs zu erkranken.« Etwa 40 Prozent aller Menschen bekämen irgendwann in ihrem Leben Krebs, »bei 100 Millisievert Belastung wächst das Risiko dann auf 41 Prozent«.

„Die psychologischen Folgen einer Umsiedlung sind deutlich nachteiliger“

Trotzdem ist die Sperrzone gefährlich. Es gibt hier Hotspots, an denen die Strahlung um ein Tausendfaches höher ist, etwa weil die Liquidatoren dort Maschinen wuschen oder kontaminiertes Material vergruben. Niemand hat diese Orte kartografiert. Und eine besondere Gefahr für die Siedler seien heimische Lebensmittel, sagt Jacob: »Wenn sie sich davon ernähren, insbesondere von Pilzen, Beeren,Wild, ist das Risiko beträchtlich, dass sie intern kontaminiert werden.« Das radioaktive Cäsium 137 etwa reichert sich in Pilzen an. Wie stark die Nahrungsmittel verstrahlt sind, lässt sich nur im Einzelfall feststellen.

Trotzdem glaubt Jacob, Menschen wie Baba Hanna und Maria Urupa hätten das Richtige getan: »Die psychologischen Folgen einer Umsiedlung, wenn die Leute aus ihrem Umfeld gerissen und stigmatisiert werden, haben einen deutlich nachteiligeren Effekt auf die Gesundheit als die radioaktive Strahlung im beobachteten Ausmaß.«

Heute ist die Verstrahlung Tschernobyls großer Standortvorteil

Nicht nur die samoseli sind den Strahlen ausgesetzt. Hunderte Leute pendeln täglich ins Sperrgebiet zur Arbeit. Die Katastrophe verschafft heute rund 7000 Menschen Jobs: Wächtern, Feuerwehrleuten, Technikern, Bauingenieuren. Zwar sind die intakten Tschernobyl-Reaktoren schon seit dem Jahr 2000 abgeschaltet, doch solange die Brennstäbe in den Abklingbecken auskühlen, laufen die Sicherheitseinrichtungen weiter. Noch viele Jahre wird das dauern.Die Verstrahlung ist Tschernobyls großer Standortvorteil. 90 Prozent der radioaktiven Abfälle aus der Ukraine sind in der Sperrzone deponiert, sie ist zu einem riesigen Zwischenlager geworden. Atommeiler erzeugen mehr als die Hälfte des ukrainischen Stroms, Tendenz steigend. Wegen des Kriegs im Osten rund um die Kohlenreviere von Donezk haben die fossilen Kraftwerke Probleme mit dem Brennstoffnachschub. Und für erneuerbare Energien fehlt dem Land das Kapital. Angeblich soll die Regierung in Kiew sogar damit liebäugeln, Atommüll anderer Nationen aufzunehmen, gegen gutes Geld.

Wenige Hundert Meter neben der Unglücksstelle von 1986 bauen Arbeiter eine neue Schutzhülle für den Katastrophenmeiler; der Not-Sarkophag von damals ist einsturzgefährdet. Wie eine gigantische halbierte Tonne sieht die neue Stahlkonstruktion aus: 108 Meter hoch, 257 Meter breit, 15 Millionen Kilo schwer. Sie kostet mehr als zwei Milliarden Euro, bezahlt von internationalen Geldgebern, darunter Deutschland. Im Herbst soll sie fertig sein und dann auf Schienen über den alten Sarkophag gefahren werden.

IMG_5353Der neue Sarkophag soll auf Schienen über den Reaktor gerollt werden. Foto: che

Bald will die ukrainische Regierung die schwach kontaminierten Teile der Sperrzone unter Naturschutz stellen. Sie erhofft sich davon unter anderem »die Entwicklung eines gewissen Extremtourismus«, so erklärt es ein Beamter des Umweltministeriums. Ein radiologisches Gutachten hat Kiew schon in Auftrag gegeben. Demnach sollen bis zu fünf Tage Aufenthalt in der Sperrzone unbedenklich sein.

Maria Urupa hat die Zone das letzte Mal vor vier Jahren verlassen, als ihr Mann sterbenskrank war. Nach seinem Tod kehrte sie zurück. Ihre Vorfahren liegen ein paar Hundert Meter von der Hütte entfernt auf einem Waldfriedhof. Hier will auch Maria Urupa einmal begraben werden. Aber davor will sie noch ein bisschen leben. Selbstbestimmt. In ihrer Heimat, der Todeszone.

 

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