Innogy: Bestens vernetzt


Der Energieriese RWE bringt seine Tochter Innogy an die Börse. Die versprochenen Traumrenditen für die Anleger bezahlen die deutschen Stromverbraucher. Von Claus Hecking für DIE ZEIT.

Essen – Vor wenigen Monate noch galt der Stromriese RWE als Pleitekandidat. Milliardenabschreibungen auf alte Kraftwerke ließen das Eigenkapital dahin schmelzen, ungeklärte Kosten für den Atomausstieg bedrohten den Konzern, Großhandelsstrompreise und der RWE-Aktienkurs fielen scheinbar ins Bodenlose. Doch an diesem Freitag werden sie lachen, jubilieren, feiern in der Essener Firmenzentrale. Dann bringt RWE seine Tochter Innogy an die Börse. Es wird der größte Zahltag der Konzerngeschichte.

Bis zu fünf Milliarden Euro wird RWE mit dem Verkauf von maximal 25 Prozent der Innogy-Anteile erlösen. Innogy wäre damit Europas größter Börsengang seit 2011; die Tochter wäre dem Kapitalmarkt gut doppelt so viel wert, wie es die Mutter RWE Ende 2015 selbst war. Damals beschloss Konzernchef Peter Terium die Teilabspaltung und den Börsengang.

Es war ein genialer Schachzug: Die Nachfrage der Anleger nach Innogy-Aktien übersteigt das Angebot; allein der weltgrößte Vermögensverwalter Blackrock kauft für 940 Millionen Euro ein. Schließlich verspricht die RWE-Tochter den Geldgebern satte, dauerhaft gesicherte Dividenden. Und wer zahlt sie? Die Stromkunden.

Nicht sonderlich grün, aber bestens verdrahtet

»Rheinland wird Reinland.«, »Arm, aber sexy wird grün, aber geil.«, »Energy wird Innogy.« So steht es auf den riesigen Postern, welche die Tochter des Braunkohlekonzerns landauf, landab plakatiert. Es klingt, als wäre Innogy ein reiner Grünstromerzeuger: Teil einer »besseren Welt« voller erneuerbarer Energien und Elektroautos, die Innogy in bunten Werbevideos ausmalt.

Dem Großkapital wiederum preisen die Innogy-Manager die wahre Stärke des Unternehmens an: 2,9 Milliarden Euro Profit vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen aus dem Betrieb von Netzen und Infrastruktur. So viel hätte Innogy vergangenes Jahr mit dieser Sparte erwirtschaftet, wäre es da schon selbstständig gewesen. Regenerative Energien brachten gerade mal 0,8 Milliarden Euro ein. Und auch Innogys Zukunft sehen die Manager im Netzbetrieb: Gut drei Fünftel der geplanten Investitionen bis 2018 sollen in diesen Bereich fließen, nur ein Fünftel in Erneuerbare. Ein »hochattraktives Business« nennt Lüder Schumacher, Analyst der Großbank Société Générale, den Netzbetrieb.

Die Netzentgelte sind das Rückgrat für das Börsenwunder. Erst sie machen möglich, dass Innogy künftigen Aktionären versprechen kann, zwischen 70 und 80 Prozent des um Sondereffekte bereinigten Nettogewinns als Dividende auszuschütten. Schließlich ist ein Großteil der Netzerlöse staatlich reguliert – und langfristig vorhersagbar.

Das Monopol der letzten Meile

Jeder deutsche Stromkunde muss Netzentgelte zahlen: ein Durchschnittshaushalt derzeit etwa sieben Cent je Kilowattstunde (kWh) – das macht für eine vierköpfigen Familie um die 300 Euro im Jahr. Fabriken zahlen im Mittel rund zwei Cent pro kWh. Netzentgelte machen fast ein Viertel der gesamten Stromrechnung von Privatkunden aus, sie sind etwas höher als die berüchtigte EEG-Umlage für die Einspeisung von Strom aus erneuerbaren Energien.

Innogy ist hierzulande einer der führenden Betreiber von Verteilnetzen. Auf dieser »letzten Meile« hin zum Endkunden haben die Netzeigentümer ein Monopol. Die Leitungen sind Gold wert. Sie bringen den Betreibern garantierte Milliardenerlöse.

In den kommenden Tagen wird die zuständige Bundesnetzagentur die neuen sogenannten Erlösobergrenzen für die Periode zwischen 2019 und 2023 beschließen. Wie hoch die Netzentgelte werden, hängt vor allem daran, welchen Zinssatz die Agentur den Betreibern für das Eigenkapital zuspricht, das in den Bau der Netze geflossen ist. Bislang konnten die Betreiber neuer Netze mit einem Eigenkapitalzinssatz von 9,05 Prozent pro Jahr rechnen. Entsprechend hoch war die Belastung für Konsumenten.

Viel Rendite, wenig Risiko – die Politik macht´s möglich

Künftig soll der Zinssatz nach dem Plan der Bundesnetzagentur 6,91 Prozent betragen. Aber auch das sei immer noch eine »Traumrendite«, kritisiert Claudia Kemfert, Energieexpertin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Laut einer Studie des Lüneburger Ökonomieprofessors Thomas Wein würde auch ein Zinssatz von gut fünf Prozent genügen, um Erhaltung und Ausbau der Stromnetze sicherzustellen. Denn wo sonst kriegen Investoren fünf Prozent Rendite bei so geringem Risiko? Wer etwa dem deutschen Staat für zehn Jahre Geld leiht, bekommt nicht mal den Einsatz zurück.

Innogy-Neuaktionäre hingegen erwartet (vor allem dank der Netzentgelte) eine Dividendenrendite von 4,5 bis 5 Prozent, wie der Analyst Peter Crampton von der Bank Macquarie errechnet hat. Kaum verwunderlich, dass Anleger um die Wette bieten. Auch bei RWE ist der Optimismus zurück; die eigene Aktie steigt seit einiger Zeit wieder. Der Grund: Die Politik stellt den Stromriesen eine überschaubare Beteiligung an den Kosten der Endlagerung für Atommüll in Aussicht. Und schanzt ihnen generöse Prämien für die Stilllegung uralter Braunkohlekraftwerke zu. Auch diese Kosten werden auf Endkonsumenten umgelegt.

Deutschland hat mittlerweile die zweithöchsten Haushaltsstrompreise in der EU. Und die Kunden werden noch lange hohe Netzentgelte zahlen. Denn jeder neue Windpark braucht eine neue Leitung. Und neben Innogy gibt es noch etwa 800 weitere Verteilnetzbetreiber, die ebenfalls gut verdienen. Viele Windräder und Leitungen gehören Stadtwerken, hinter denen einflussreiche Lokalpolitiker stehen. Stromverbrauchern fehlt so eine Lobby.

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