„Ein Bankier wie ein Baum“: zum Tod von Santander-Chef Emilio Botín


Emilio Botín ist tot – der vielleicht markanteste, eigenwilligste, erfolgreichsten Banker der Gegenwart. Im Alleingang hat er aus der Provinzbank Banco Santander eines der führenden Geldhäuser der Welt gemacht. Und er hat sein Unternehmen fast unbeschadet durch die Euro-Krise gelotst, als eine spanische Bank nach dem anderen kaputt ging. 2012 haben wir „Botinópolis“ besucht: die Santander-Stadt vor den Toren Madrids. Hier unsere Reportage – von Claus Hecking und Birgit Jennen für CAPITAL

Die Stadt des großen Geldes duftet nach Rosmarin, nach Lavendel und spanischem Ginster. Weil El Presidente das so will. Eine Million Sträucher und andere Gewächse hat Emilio Botín-Sanz de Sautuola y García de los Ríos auf Beete und Dächer seiner Ciudad Grupo Santander pflanzen lassen. Und seine Prunkstücke hat der Patriarch gleich am Besuchereingang zum Hauptquartier der Großbank Santander aufgestellt.

„Artemisa“, „Gerion“, „Everest“ steht auf den Namensschildern vor den Olivenbäumen, elf davon sind mehr als 1000 Jahre alt. Botín hat sie aus Aragon, Kalabrien oder gar Marokko in seine Retortenstadt karren lassen. 1220 „Olivos“ verteilen sich über die 250 Hektar westlich von Madrid, das Areal ist fünfmal so groß wie der Vatikan. Ein Arbeiterheer in der Konzernfarbe Rot stutzt und bewässert täglich die Flora. Damit Botínopolis, die Kommandozentrale der spanischen Finanzwelt, weiter blüht und gedeiht.

Der Campus ist eine grüne Insel inmitten der ausgedorrten Mancha-Steppe. Eine Ausnahmeerscheinung – so wie Botíns Bank.

Reihenweise verlieren Spaniens Finanzinstitute in diesen Krisenmonaten Kunden, die ihr Geld sicherheitshalber außer Landes schaffen. Einige ringen um ihre Existenz. Die Cajas, die Sparkassen, bringen mit ihren Milliardenlöchern den gesamten Staat an den Rand des Offenbarungseids.

Und die Banco Santander? Wurde soeben vom anerkannten Branchenmagazin „Euromoney“ zur „besten Bank der Welt“ erkoren. Weil sie, so die Laudatio, gerade in schwierigen Zeiten „nachhaltige Gewinne“ erziele und „eine einwandfreie Bilanz“ habe. Und weil die nach Börsenwert führende Bank der Euro-Zone nun sogar aus den Turbulenzen um sie herum Kapital schlägt.

Kaum ein europäisches Institut hat die vergangenen fünf Jahre so unbeschadet überstanden wie Santander – und das trotz einer beispiellosen Expansion in der Zeit davor. Nicht einen einzigen Quartalsverlust hat Spaniens Vorzeigebank in ihrer 155-jährigen Firmengeschichte ausweisen müssen, nicht einen Cent öffentliche Finanzhilfe beantragt.

Der Wall-Street-Crash 2007/08 ging spurlos an ihr vorbei, weil sie kaum Investmentbanking betreibt. Und jetzt, nach drei Jahren Euro-Krise, messen die Ratingagenturen dem Institut eine bessere Kreditwürdigkeit zu als dem spanischen Staat. „Die Lage in unserem Land beunruhigt mich“, sagt Emilio Botín.

„Die unserer Bank nicht.“ Es sieht so aus, als gehe seine Strategie auf: die Internationalisierung, die rigide Kosten- und Risikokontrolle, der Aufbau exzellenter Kontakte in die Politik.

Konsequent hat der kleinwüchsige Mann mit der hohen Stirn seinen Konzern auf einen vermeintlich drögen Nischenmarkt der schillernden Finanzwelt ausgerichtet: das Privatkundengeschäft.

„Santander ist die effizienteste Großbank der Welt“, lobt „Euromoney“.

Frontalangriff auf das Kartell

Wertvollstes Unternehmen Spaniens, profitabelstes Finanzinstitut Kerneuropas, die meisten Filialen weltweit, 102 Millionen Kunden, mehr als 50 Übernahmen im Gesamtwert von 60 Mrd. Euro.

Wer hätte das gedacht, 1986, als Emilio Botín die Leitung der Bank von seinem gleichnamigen Vater übernahm. „Emilito“, der „kleine Emilio“, nannten sie den damals 52-Jährigen abschätzig. Fast drei Jahrzehnte hatte „Emilio III.“ auf den Santander-Thron warten müssen, den die Botín-Dynastie seit drei Generationen besetzt. Den Durchbruch in die Elite der Superbanken traute ihm niemand zu.

Als der Junior dann endlich übernehmen darf, rangiert Santander auf Platz sieben der größten Banken Spaniens und ist nicht mehr als eine Provinzklitsche aus der bäuerlichen Region Kantabrien an der Atlantikküste. Immerhin, Botín wird in den Kreis der führenden Bankiers des Landes geladen. Die altehrwürdigen Direktoren versammeln sich alle paar Wochen zum Mittagessen, um im besten Einvernehmen den Guthabenzins für Girokonten auf zwei oder lieber ein Prozent festzulegen. Obwohl sie für das Kundengeld zu dieser Zeit an den Kapitalmärkten 13 oder 14 Prozent kriegen.

Eines Herbsttags 1989 bleibt Botín dem Treffen fern. Dafür tauchen in ganz Spanien Plakate auf, mit einem knallroten Logo: „Súper Cuenta“. Santanders neues „Superkonto“ verspricht den Sparern elf statt ein Prozent Zinsen – ein Frontalangriff auf das Kartell. Fortan hassen die hohen Herren Botín. Die Kunden lieben ihn. In sechs Monaten kann die Bank ihren Marktanteil fast verdoppeln.

Es ist der Start eines beispiellosen Eroberungsfeldzugs.

„Fressen, ehe man gefressen wird“, heißt Botíns Devise. 1994 verspeist Santander den Konkurrenten Banesto, 1999 die Banco Central Hispano, wird Spaniens Nummer eins.

Dem leidenschaftlichen Großwildjäger Botín reicht das nicht. Schon bei Amtsantritt, so hat der interview- scheue Chef kürzlich bei einem Vortrag verraten, habe er Santander „ein klares Ziel gesetzt: die führende Privat- und Geschäftskundenbank der Welt zu werden“.

Botín kennt seine Grenzen. Den aussichtslosen Kampf um die Milliardenprovisionen im Investmentbanking gegen die Etablierten wie Goldman Sachs, UBS oder die Deutsche Bank nimmt er gar nicht erst auf. Von US-Ramschhypotheken und anderen hippen Produkten der globalisierten Geldwelt lässt der Jesuitenschüler die Finger. „Wenn Sie ein Finanzinstrument nicht verstehen, dann kaufen Sie es nicht“, lautet seine goldene Regel.

„Wenn Sie das Produkt nicht selbst kaufen würden, versuchen Sie nicht, es jemandem zu verkaufen.“ Botín fokussiert sich auf das, was Santander besser kann als andere: das Alltagsgeschäft.

Im Pereda-Gebäude befindet sich das Allerheiligste der Bank. Schneeweiß glänzt der staubkornfreie Fußboden des Atriums. Riesenfarne spenden Schatten.

Im Kellergeschoss hängen alte Meister: El Greco, Rubens, Lucas Cranach der Ältere.

Einige der Werke, heißt es, sollen von säumigen Schuldnern stammen.

Drüben in den Büroquadern arbeitet das Fußvolk, hier die Elite. Im ersten und zweiten Stock sitzen auserlesene Topmanager.

In Flur drei residiert CEO Alfredo Sáenz, rechte Hand und Umsetzer der Ideen Botíns. Und die Beletage unter dem Dom, der 32 Meter hohen gläsernen Kuppel, gehört dem Präsidenten ganz allein.

Mag er selbst nicht einmal mehr ein Prozent der Santander-Aktien besitzen, mag mancher Manager stöhnen, wenn ihn der Chef mal wieder Sonntagnachmittag zum Rapport einbestellt – der Erfolg macht Emilio Botín unantastbar.

Jenseits der maroden Heimat

„Vielen Leuten in unserer Branche gefällt das Investmentbanking, das große Geldverdienen. Wir hier lieben das Geschäft mit den Privatkunden“, sagt Jesús María Zabalza, der Lateinamerika-Chef, und streicht sich über die rote Konzernkrawatte.

„Und der da oben im vierten Stock“, er reckt den Zeigefinger zur Decke, „der liebt es mehr als jeder andere.“ Der 54-jährige Zabalza hat sich sein Büro in Pereda redlich verdient. 6000 Filialen mit mehr als 41 Millionen Kunden hat er für Santander in Brasilien, Mexiko, Chile, Argentinien und Peru inzwischen aufgebaut und so die attraktivsten Märkte des wachstumsstarken Kontinents für seinen Arbeitgeber erschlossen. Gerade hat der Konzern 4 Mrd. Dollar eingenommen, als er einen Minderheitsanteil seiner mexikanischen Tochter an die Börse brachte. Demnächst könnte Argentinien folgen. So lassen sich schon mal die Milliardenabschreibungen kompensieren, die der Crash am spanischen Immobilienmarkt auch Santander beschert hat.

Anders als viele Konkurrenten ist die Bank weitgehend unabhängig von der maroden Heimat. In den ersten neun Monaten 2012 steuerte die Spanien-Division nur 16 Prozent zum Konzerngewinn bei. Die Hälfte des Profits erwirtschaftet der Konzern in Lateinamerika, fast ausschließlich mit biederem Privatund Firmenkundengeschäft.

„Lateinamerika war und ist die Basis für Santanders Erfolg“, sagt der Bankenexperte Íñigo de Barrón, der seit Jahren für die Zeitung „El País“ den Aufstieg des Bankkonzerns verfolgt. „Dort sind sie immer die Vorreiter gewesen.“ Als erster europäischer Banker entdeckte Botín Ende der 80er-Jahre die Marktlücke, die sich darbot: ein aufstrebender Kontinent mit einer jungen, wachsenden Mittelschicht, die von ihren oft miserabel geführten Banken die Nase voll hatte. Reihenweise kaufte Botín lokale Geldhäuser auf, senkte Gebühren, verpasste ihnen ein konzernrotes Logo, führte Callcenter ein. Oft sind es ganz einfache Dinge, die im Filialgeschäft den Unterschied ausmachen. „Nähe heißt das Schlüsselwort“, sagt Zabalza. „Die Privatkunden wollen Geldautomaten und vernünftig organisierte Girokonten. Die Fir- menkunden benötigen Boxen, in denen sie nach Betriebsschluss die Einnahmen deponieren können. Und sie verlangen nach individueller Betreuung, wenn es um Darlehen für ihre Investitionen geht.“ Santander lieferte, die Klienten kamen: Sie fühlten sich ernst genommen.

Santanders Hit: die Kreditkarten

Kein anderes Institut hat so früh so entschlossen auf die Zusammenarbeit mit den Meilenprogrammen der Fluggesellschaften gesetzt. „Sehen Sie, ich habe auch so eine“, ruft Zabalza und zückt seine goldene Santander-Iberia-Plus- Karte. Er grinst stolz: Die paar Bonusmeilchen kosten die Bank nur einen Bruchteil der drei bis fünf Prozent Kreditkartenprovision, die sie vom Händler bei jedem Bezahlvorgang einstreicht.

Kein Konkurrent kann Massenmärkte so effizient bearbeiten wie Santander.

Um einen Euro zu erwirtschaften, müssen die Spanier mit ihren vielen standardisierten Finanzprodukten und ihrer auf Privatkunden zugeschnittenen IT nur 44,5 Cent ausgeben. Damit sind sie Spitzenreiter unter den 16 führenden Großbanken der Welt. Die Konkurrenz schneidet im Durchschnitt um 17 Cent schlechter ab, die Deutsche Bank sogar um fast 32 Cent.

Eine ideale Basis, um auch europäische Märkte zu erobern. In Deutschland buhlte das Institut seit seinem Einstieg bei der CC-Bank mit überdurchschnittlich hohen Guthaben- und niedrigen Kreditzinsen um Kundschaft. Es klappte – obwohl Verbraucherschützern bis heute manches im Kleingedruckten missfällt.

Gerade erst hat Santander Deutschland sein Gratisgirokonto kostenpflichtig gemacht, ohne die Kunden vorher um Zustimmung zu fragen. Verbraucherschützer klagen, die Bank zwinge den Klienten den Abschluss von Restschuldversicherungen auf. Und auch über die hohen Kreditbearbeitungsgebühren gibt es immer wieder Rechtsstreitigkeiten.

Trotzdem hat die Santander Consumer Bank nach der Übernahme des deutschen Geschäfts von der GE Money Bank und der schwedischen SEB mehr als sieben Millionen Kunden. Damit ist sie Nummer fünf in Deutschland. Noch stärker ist die Bank in Polen und Großbritannien. Da trifft es sie nicht so schwer, dass im Zuge der Spanien-Krise auch ihr Rating herabgestuft wurde, dass sie höhere Risikoprämien für Anleihen zahlen muss. Sie kann sich ihr Geld auch anders besorgen. In Deutschland etwa haben sich die Kundeneinlagen seit 2008 fast verdreifacht: von 11 Mrd. auf 31 Mrd. Euro Ende 2011.

Dem Konzern verschafft das Spielraum, sich der Altlasten zu entledigen.

Früher als alle anderen hat Santander begonnen, faule Immobilienkredite in Spanien abzuschreiben. Das zahlt sich nun aus. „Dank der Vorsorge, die wir getroffen haben, können wir das heimische Immobilienthema bis zum Jahresende hinter uns lassen“, triumphiert Botín.

Schon jetzt, so berichtet eine Madrider Santander-Filialchefin, wechseln immer mehr Kunden anderer Institute zu ihr. Weil sie keiner spanischen Bank mehr trauen, außer Santander. Und sind die Bücher erst bereinigt, will Botín wieder einkaufen gehen. „Wenn die Spanien- Krise überwunden ist, wird Santander die Expansion in Lateinamerika fortsetzen“, prognostiziert Konrad Becker, Bankenexperte von Merck Finck.

Wieder steht Spaniens Vorzeigebanker besser da als alle anderen. Er selbst tut nichts für die Rettung des angeschlagenen Sektors. Und doch hätschelt ihn die Politik nach Kräften.

Als Botín 2010 wegen einer Infektion kurz ins Krankenhaus musste, erkundigte sich der damalige Premier José Luis Zapatero persönlich nach dem Wohlergehen.

Als wenig später Schwarzgeldkonten in der Schweiz aufflogen, auf denen die Botíns über Jahrzehnte einen beträchtlichen Teil ihres Vermögens gebunkert hatten, kam der Clan mit einer Steuernachzahlung davon. Und als Spaniens Oberster Gerichtshof Botíns wertvollsten Mann Sáenz wegen Falschaussage und Irreführung der Justiz zu drei Monaten Haft verurteilte und mit einem Berufsverbot belegte, begnadigte ihn die scheidende Zapatero-Regierung in einer ihrer letzten Amtshandlungen. Nichts könnten Spaniens Politiker gerade weniger gebrauchen als Chaos bei Santander.

Und so lenkt das Duo Botín und Sáenz, 78 und fast 70 Jahre alt, weiter die Geschicke der Bank. Als Nächste wäre Emilios Älteste dran. Ana Patricia Botín hat sich als Chefin der Tochter Banesto einen Namen gemacht. Als Verantwortliche der Großbritannien-Sparte hat sie aber weniger Fortune: Gerade sagte sie den angekündigten Kauf von 316 Filialen der schottischen RBS ab. Zudem fehlt ihr ein kongenialer Partner wie Sáenz.

Und so dürfte El Presidente, sofern er gesund bleibt, noch ein paar Jahre lang allmorgendlich um sieben ins Büro kommen. Sein Vater ging erst mit 83 in Rente.

Es ist ja auch zu schön in Botínopolis.

Springbrunnen plätschern vor dem Klubhaus des Golfplatzes, wer mag, kann Beachvolleyball oder Fußball spielen oder sich im Fitnesstempel, der Schwimmhalle und dem türkischen Bad fit halten.

Ein paar Hundert Meter weiter weicht das leuchtende Grün des Campus abrupt einem schmutzig braunen Gelb. Dort an einem meterhohen, kameraüberwachten Sperrzaun endet das Reich des Emilio Botín. Dahinter liegt Spanien.

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