Elektronisches Zigarettenimitat: Philip Morris launcht rauchfreie Marlboro


Der Zigarettenkonsum stagniert weltweit, zugleich gerät die Tabakindustrie unter immer größeren Regulierungsdruck. Der Marlboro-Hersteller bringt nun ein neues Produkt auf den Markt. Es geht um 700 Milliarden Dollar. Und 5 Millionen Menschenleben.

Mit einem neuen, rauchfreien Tabakprodukt will der weltgrößte privatwirtschaftliche Tabakkonzern Philip Morris International (PMI) den rückläufigen Absatz bei herkömmlichen Zigaretten kompensieren. Von Claus Hecking für SPIEGEL ONLINE, September 2014

Lausanne – Mit einem neuen, rauchfreien Tabakprodukt will der weltgrößte privatwirtschaftliche Tabakkonzern Philip Morris International (PMI) den rückläufigen Absatz bei herkömmlichen Zigaretten kompensieren. Im vierten Quartal 2014 werde man ein elektronisches System namens „Iqos“ mitsamt dazugehörigen „Marlboro Heat Sticks“ in zwei Teststädten in Japan und Italien auf den Markt bringen, kündigte PMI am Donnerstag vor Analysten in Lausanne an. 2015 sollen die „Iqos“-Pens und die „Marlboro“-Sticks überall in Japan und Italien verkauft werden, viele weitere Staaten würden folgen. Zu Deutschland äußerte sich der Konzern nicht.

Damit lanciert PMI eine neue Produktkategorie zwischen der herkömmlichen Tabakzigarette und der elektronischen Zigarette. Für die internationalen Tabakmultis geht es um einen Markt von geschätzten 700 Milliarden Dollar pro Jahr. Mit herkömmlichen Zigaretten erwirtschaften sie immer noch satte Gewinne, fast mühelos können sie Preiserhöhungen bei den Nikotinabhängigen durchsetzen. Aber bei den Verkaufszahlen scheint der Zenit überschritten: Nichtraucherschutzgesetze, Steuererhöhungen, wachsendes Gesundheitsbewusstsein und das boomende Geschäft mit E-Zigaretten zeigen Wirkung. Pro Jahr sterben Schätzungen zufolge weltweit mindestens 5 Millionen Menschen an den Folgen des Tabakrauchens.
Die Branche erwarte für 2014 in der EU einen Rückgang der verkauften Stückzahlen um fünf bis sechs Prozent, sagte Philip-Morris-Chef André Calantzopoulos. Weltweit dürfte die Zahl der gerauchten Tabakzigaretten um geschätzte zwei Prozent sinken. Der Markt für E-Zigaretten, die eine nikotinhaltige Flüssigkeit verdampfen, wächst indes rapide. Die US-Investmentbank Wells Fargo hält es für möglich, dass der Weltmarkt für E-Zigaretten den für traditionelle Zigaretten binnen eines Jahrzehnts überholt.

„Potenzieller Paradigmenwechsel“ für die Branche

Sämtliche großen Tabakkonzerne, von British American Tobacco Chart zeigen(„Lucky Strike“) über Imperial Tobacco Chart zeigen („Gauloises“) bis hin zu Japan Tobacco („Camel“) haben in den vergangenen zwei Jahren kleinere E-Zigaretten-Hersteller aufgekauft und sind in den neuen Markt eingestiegen. Auch PMI gab am Donnerstag die Übernahme eines britischen Produzenten bekannt. Calantzopoulos sprach von einem „potenziellen Paradigmenwechsel“ für die Branche. Allerdings bleiben die meisten Raucher der Tabakzigarette treu, da die tabaklosen E-Zigaretten ihnen weder den ersehnten Nikotinkick noch das sinnliche Raucherlebnis liefern. Fast alle Multis arbeiten daher an Zigaretten-Imitaten auf Tabakbasis.

Das Philip-Morris-System ist ein solcher Kompromiss zwischen den bekannten Tabak- und den E-Zigaretten. Es besteht aus einem schwarzen elektronischen Pen mit Display, ungefähr halb so lang und gefühlt so schwer wie ein handelsüblicher Kugelschreiber, sowie den „Marlboro“-Sticks aus pulverisiertem Tabak, die in den Pen gesetzt werden.

 

Dort wird der Tabak auf eine Temperatur zwischen 200 und 350 Grad Celsius erhitzt. Dabei entsteht ein nikotinhaltiges Gas mit zigarettenähnlichen Aromen, das der Konsument inhaliert. Anders als bei der herkömmlichen Zigarette, die beim Rauchen bis zu 800 Grad heiß wird, findet laut Philip Morris im Pen aber keine Verbrennung statt. Verbrennungsstoffe und nicht das Nikotin gelten als Hauptauslöser für die meisten Krebserkrankungen bei Rauchern.

Geringere Gesundheitsrisiken

In der Marktforschung hätten zwölf Prozent der italienischen und 30 Prozent der japanischen Tester gesagt, sie wollten die Zigarette aufgeben und durch das neue Produkt ersetzen, sagten PMI-Manager. Studien hätten gezeigt, dass es den Konsumenten ähnlich viel und schnell Nikotin wie eine Tabakzigarette liefere. Die Menge an anderen Schadstoffen wie Formaldehyd, Acetaldehyd oder Benzopyren im eingeatmeten Aerosol liegt laut PMI indes um mindestens 80 Prozent niedriger. Dies deute darauf hin, dass die Gesundheitsrisiken geringer seien, sagten die Manager. Eine endgültige Feststellung könne aber nicht getroffen werden.

Die Leiterin der Stabstelle Krebsprävention im Deutschen Krebsforschungszentrum Martina Pötzschke-Langer zeigte sich skeptisch. „Solange keine unabhängige Testergebnisse zu solchen Produkten vorliegen, können wir sie nicht bewerten“, sagte die Tabakgegnerin im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Aber auch ohne Verbrennung sei der Tabakkonsum gefährlich: „Temperaturen von 200 bis 400 Grad reichen aus, um krebserregende Stoffe zu bilden.“

Der Konzern will das neue Produkt nicht nur über den Tabakhandel und das Internet auf den Markt bringen – sondern dazu auch eigene Verkaufsstellen aufbauen, sogenannte Flagship Stores. Die ersten Pens und Sticks werden bereits produziert. Calantzopoulos erwartet, dass PMI mittelfristig zwischen 30 und 50 Milliarden „Marlboro“-Sticks pro Jahr verkauft und daraus zusätzliche Margen von 720 bis 1200 Millionen US-Dollar generiert.

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