Was wurde aus… der Expo2000 in Hannover?


Die Expo 2000 sollte Hannover von der grauen Maus in eine hippe Hightech-Stadt verwandeln. Doch das Nachnutzungskonzept ist völlig missglückt. Das ehemalige Ausstellungsgelände liegt in weiten Teilen brach – ein Paradies für Abenteurer. Von Claus Hecking für SPIEGEL ONLINE

Der wilde Wald auf Etage drei des niederländischen Pavillons ist Silvias* Lieblingsort auf dem Expo-Gelände. Diesen Nachmittag ist die 15-Jährige wieder zum baufälligen, graffitiüberzogenen „Holländer“ getourt, wie die Hannoveraner das 47 Meter hohe Gebäude nennen, das aussieht wie ein monströses Parkhaus mit Außentreppen. In einem unbeobachteten Moment hat sie sich durch ein Loch im Absperrzaun geschlängelt, zusammen mit Kai*, einem Freund. Die beiden sind über die Treppen hochgeschlichen, stets auf der Hut vor der Polizei, Löchern im Boden oder abgebrochenen Stufen. Oben haben sie die wuchernde Pflanzenwelt bestaunt und abfotografiert.

14 dicke, meterhohe Eichenstämme tragen die oberen Geschosse des niederländischen Beitrags zur Expo 2000. Zu allen Seiten ist das dritte Stockwerk offen. Und so sind aus „gestapelten Landschaften“, wie der Pavillon während der Weltausstellung hieß, blühende Landschaften geworden. Fotos zeigen Gräser und bunte Blumen, Sträucher und Bäume, Käfer und Schmetterlinge. Aber eine Etage höher hängen Kabelenden von der Decke, quillt Dämmstoff aus der Wand, übersäen Scherben den bröckelnden Betonboden, wie Silvia erzählt: „Auf dem Dach stehen Säcke mit der Warnung: ‚Inhalt kann krebserregenden Faserstaub freisetzen‘. Neulich hat es da gebrannt.“

Für „Urban Explorers“ wie Silvia und Kai ist Hannovers Expo-Park eine Spielwiese. Immer wieder kommen Abenteurer her: um verlassene Überbleibsel der Weltausstellung zu erkunden, um drinnen zu sprayen, zu feiern, einander zu lieben.

Aber längst nicht alle Gebäude hier im einstigen Expo-Gelände Ost neben der Messe sind so ein „Schandfleck“, wie manche Hannoveraner den „Holländer“ nennen. Direkt gegenüber, am Boulevard der EU, haben BMW und Ferrari Autosalons aufgemacht, nicht weit davon hat die Fachhochschule ihre Medien-Fakultät, im „Expo-Wal“ feiern Christen Gottesdienste. Und den belgischen Container an der Rue de Gent hat der Musiker Mousse T. („Sexbomb“, „Horny“) zum „Peppermint-Pavillon“ umgebaut: mit Tonstudio, Plattenlabel, dem Edel-Restaurant „Funky Kitchen“ und einer stylischen Lounge. Der Expo-Park ist ein kruder, liebenswerter Mischmasch aus Brache und Business. Das Resultat eines völlig missglückten Nachnutzungskonzepts.

Die Nachmieter blieben aus, die Pavillons wucherten zu

Sydney Garden, Chicago Lane, Boulevard de Montréal, London Street. Die Straßennamen rund um die weiten, unbebauten Freiflächen lassen erahnen, was hier los war im Jahr 2000. Als Menschen aus aller Herren Länder zu Gast waren bei der einzigen Weltausstellung in Deutschland. Als Hannover, die vermeintliche graue Maus, am Stadtrand kunterbunt wurde. Das mit Steuermilliarden gepäppelte Megaevent startete als Besucherflop, wurde aber kurz vor Ende der fünf Monate zum Publikumsrenner. In den allerletzten Tagen standen sie dann vor den Pavillons stundenlang Schlange, Auswärtige und Hannoveraner. Weil sie ahnten: Das kommt nie wieder.

1,1 Milliarden Mark Miese, 18,1 Millionen statt geplanter 40 Millionen Gäste – für den deutschen Staat und das Land Niedersachen als wirtschaftliche Verantwortliche war die Expo ein Fiasko. Der Stadt Hannover drohte ein Debakel. Sie hatte vorgesehen, nach der Expo Internet- und Hightech-Firmen in dem neuen Gewerbegebiet anzusiedeln. Aber just als es losgehen sollte, platzte die Dotcom-Blase. Die Nachmieter blieben aus, viele Pavillons standen leer, wucherten zu.

„In den vergangenen Jahren ist hier vieles besser geworden“, sagt Tim Rademacher. Der Software-Unternehmer sitzt mit seiner Firma Wissenswerft im deutschen Pavillon. Wie neu sieht der Bau mit seinen geschwungenen Glasfassaden auch noch nach 14 Jahren aus, die Büros sind laut Vermieter voll belegt. „Wir kriegen hier exklusiven Büroraum für nur 9,50 Euro im Monat pro Quadratmeter“, sagt Rademacher.

Er kam schon 2006 als Gründer hierher in den Expo-Park; die städtische Wirtschaftsförderungsgesellschaft köderte Start-ups damals mit einem Jahr freier Miete. Das Konzept ging auf: Wissenswerft und andere junge Firmen kamen, blieben, belebten die Gegend um die fußballfeldgroße Expo-Plaza. Nach Feierabend allerdings ist alles menschenleer. Denn für Veranstaltungen ist der deutsche Pavillon gesperrt: Brandschutzprobleme.

„Die Menschen haben monatelang gefeiert“

Feuer ist immer wieder ein Problem im Expo-Park. Nicht nur auf dem „Holländer“ hat es gebrannt, sondern auch im polnischen und dem türkischen Pavillon, an dem sich einst Prinz Ernst August von Hannover erleichterte. „Mir tut es weh, wenn ich sehe, wie manches herunterkommt“, sagt Gil Maria Koebberling vom Verein Exposeeum, der in einem kleinen Museum an der Plaza ein Modell des Geländes, Gastgeschenke, Fotos und Devotionalien von einst zeigt. „Die Stadt und das Land müssten eigentlich ein Gesamtkonzept für das Gelände erarbeiten, die Expo ist doch Hannovers Alleinstellungsmerkmal.“

Koebberling nennt sich selbst eine „Expo-Verrückte“. „Die Menschen haben damals monatelang gefeiert, Hannover hat sich geöffnet für die Welt“, erinnert sich die 52-Jährige. „Aber heute hat die Stadtverwaltung das Thema leider abgehakt.“ Ohne neue Sponsoren müsse ihr Verein das private Exposeeum wohl bald dichtmachen. Dann bliebe kaum noch etwas übrig von der Weltausstellung. Bis auf die Pavillons.

Silvia und Kai klettern aus dem spanischen Container, ihre Augen leuchten. Drinnen haben sie zwischen Bauschutt, alten Autoreifen und Müllsäcken etwas Besonderes entdeckt: Auf dem Steinboden, dort, wo es durch ein Loch im Dach reinregnet, grünt Moos, sprießen Farne und ihnen unbekannte Pflanzen. Passend zum Motto der Expo2000: „Mensch, Natur und Technik – Eine neue Welt entsteht“.

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