Fernostkrise


Chinas Wirtschaft ist im Umbruch – und der Rest der Welt braucht ein neues Wachstumsmodell. Von Claus Hecking für DIE ZEIT.

Es war einmal ein Land, das wollte einfach nicht aufhören zu wachsen. Mochten rund um die Welt Immobilienblasen platzen und Banken untergehen, mochte das westliche Finanzsystem vor dem Kollaps stehen, mochte dem Euro der Garaus drohen: Auf die Volksrepublik China war stets Verlass. Inmitten aller Kapriolen verkündete die aufstrebende Supermacht sagenhafte sieben, acht, neun oder zehn Prozent Wachstum – und hielt die Weltwirtschaft am Laufen. Deutsche Autobauer, US-Getränkekonzerne, internationale Rohstoffkonglomerate: Sie scheffelten Milliarden auf dem schier nimmersatten neuen Markt. 25 Jahre in Folge steigerte China sein Bruttoinlandsprodukt um mindestens sieben Prozent.

Werkbank der Welt, Wachstumslokomotive, Motor der Globalisierung, derlei Attribute sind China seit der Jahrtausendwende ständig verpasst worden, oft zu Recht. Aber nun will, nun kann die Volksrepublik keine Billigfabrik mehr sein. Plötzlich stottert, ruckelt der Wachstumsturbo – zum Entsetzen der übrigen Welt. »Die China-Story geht zu Ende«, sagt Dennis Snower, Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft.

In drei Jahren verbaute das Land mehr Zement als die USA im 20. Jahrhundert

Erste Folgen sind schon zu beobachten: Der Börsencrash auf Raten in Shanghai und Shenzen sollte ein nationales Problem sein, da es vor allem chinesische Anleger trifft. Dennoch hat er den Dax unter die 10 000-Punkte-Marke stürzen lassen – und der Wall Street gar die schlechteste erste Jahreshandelswoche ihrer Geschichte beschert. Der Ölpreis ist auf einem Zwölf-Jahres-Tief. Und der Promi-Spekulant George Soros warnt vor einer Finanzkrise wie 2008. Wird China, der einstige Wachstumsgarant, zum Epizentrum eines neuen globalen Abschwungs?

Fest steht: Das Land steckt tief im Strukturwandel. Zwei, drei Jahrzehnte lang haben Chinas Mächtige ihr rückständiges Land mit Gewalt modernisiert, haben Fabriken, Immobilien und öffentliche Infrastruktur in einem beispiellosen Tempo hochgezogen. Binnen dreier Jahre, von 2011 bis 2013, verbaute die Volksrepublik mehr Zement als die USA im gesamten 20. Jahrhundert. Das kann nicht auf Dauer so weitergehen.

Der Ökonom Snower zieht Parallelen zum Boom im Nachkriegseuropa. »Damals gab es eine 25, 30 Jahre lange Aufholjagd, dann sanken die Wachstumsraten. Auch China hat jetzt 25 bis 30 Jahre catching up hinter sich.« Irgendwann sind die wichtigsten Straßen, Eisenbahnlinien, Kraftwerke oder Wohnkomplexe errichtet. Weitere Projekte bringt nur noch beschränkten Nutzen – und viel Schaden. Kommunen, Regionen und Staatskonzerne sind nach Bauorgien, Fehlinvestitionen und -spekulationen hochverschuldet, Smogwolken hängen über den Städten, Arbeiterproteste nehmen zu. Überall offenbaren sich die Grenzen des alten Betonbooms.

Tappt China in die middle income trap, die mittlere Einkommensfalle? Aufstrebende Nationen wie Mexiko, Thailand oder die Türkei haben es erlebt: Nach Phasen steilen Wachstums steigen die Löhne stark, hält die Produktivität kaum damit Schritt, nehmen Wettbewerbsfähigkeit und Exportkraft ab – wie seit einiger Zeit in China. »Schafft es das Land dann nicht, auf eine höhere Entwicklungsstufe umzusteigen, kann es dauerhaft in der Mitte stecken bleiben. Und bei einfachen Produkten verliert es wegen der gestiegenen Kosten an Konkurrenzfähigkeit«, sagt Paul Vandenberg, Ökonom der Asiatischen Entwicklungsbank und Experte für genau solche volkswirtschaftlichen Übergänge.

Kaum etwas offenbart Chinas Dilemma so wie das iPhone. Das Smartphone von Apple wird in der Volksrepublik zusammengebaut, allerdings kommen Idee und Design aus den USA, die hochwertigsten Bauteile aus Japan, Südkorea oder Taiwan. Und so verdient Chinas Wirtschaft an dem Hunderte Dollar teuren Gerät nur eine Handvoll Dollar pro Stück.

Das soll sich ändern. »Neue Normalität« lautet das Schlagwort, das Präsident Xi Jinping seit Mitte 2014 immer wieder verkündet. Dahinter steckt der große Plan. Chinas Wirtschaft soll sich verwandeln: weg von simplen Jedermann-Produkten und der Schwerindustrie, hin zu mehr Hightech und Dienstleistungen. »Dafür braucht man eine starke Privatwirtschaft, eine Kultur der Kreativität und Innovation«, sagt Vandenberg. Dieser Wandel, sofern er denn überhaupt gelingt, wird Jahre oder Jahrzehnte dauern. Und mit dem Übergang tut sich das Land schwer.

Den offiziellen Wachstumszahlen glaubt nicht mal der Premierminister

»China erlebt eine Industriekrise«, sagt Sebastian Heilmann, Direktor des Berliner Mercator Institute for China Studies (Merics), »und die neuen Wachstumsbranchen schaffen es nicht, den Einbruch in der Schwer- und Bauindustrie sowie bei Exporten zu kompensieren.«

Offiziell verkündet das staatliche Statistikbüro noch immer Zuwachsraten von um die sieben Prozent – verdächtig passgenau zu den Zielvorgaben des Regimes. Wie aber die Behörde auf diese Werte kommt, ist nebulös. Viele Ökonomen halten die Statistik für geschönt.

Wie viel Chinas Spitzenpolitiker selbst von der offiziellen Wachstumszahl halten, offenbarte der heutige Premierminister Li Keqiang bereits 2007. »Hausgemacht« seien die Daten, klagte der damalige Provinzgouverneur laut amerikanischen Diplomatenberichten. Einen zuverlässigeren Anhaltspunkt für die Wirtschaftsentwicklung böten andere Indikatoren: etwa Chinas Stromverbrauch. Dieser lag von Januar bis November 2015 ganze 0,6 Prozent über Vorjahr.

Das wahre Ausmaß der Wirtschaftsschwäche will die KP-Regierung wohl nicht publik machen. Basiert ihr Machtmonopol doch auf Wachstum und Wohlstand. »Warum unterstützt uns das Volk? Weil sich die Wirtschaft entwickelt hat«, sagte einst Deng Xiaoping, der Vater der wirtschaftlichen Öffnung. Zuwachsraten von vier bis fünf Prozent oder vielleicht gar nur zwei bis drei Prozent seien »nicht nur ein ökonomisches Problem, sondern auch ein politisches.«

In ebendieser Größenordnung dürfte sich das reale Wachstum künftig abspielen, erwarten westliche Ökonomen. »Wir rechnen damit, dass es unter fünf Prozent sinkt, vielleicht sogar auf zwei oder drei Prozent«, sagt Merics-Chef Heilmann. Die Rating-Agentur Fitch erwartet für 2016 nur noch ein Plus von 2,3 Prozent, die Citigroup will nicht einmal eine Rezession ausschließen. Und schon die bisherige Abschwächung ist ein Problem für die Weltwirtschaft. Bringt sie doch eine wichtige Geldverteilungsmaschine ins Stocken: den internationalen Rohstoffmarkt.

China macht den Unterschied auf den Weltmärkten

Der Ölpreis ist nicht einmal mehr ein Drittel so hoch wie vor zwei Jahren, Eisenerz hat sich um 70 Prozent verbilligt – und das Welthandelsbarometer Baltic Dry Index, das Frachtraten in der globalen Schifffahrt misst, ist auf dem tiefsten Stand seit über drei Jahrzehnten. Wie kommt es, dass die Preise derart verrückt spielen – obwohl Chinas Wirtschaft noch immer wächst?

Die Volksrepublik ist heute der weltgrößte Importeur von Erdöl, sie verbraucht jede zweite auf dem Planeten geförderte Tonne Kohle, zwei Drittel des verschifften Eisenerzes. Sie wird auch weiterhin gigantische Mengen dieser Ressourcen verschlingen. Aber: nicht so viel wie erwartet.

China macht den Unterschied auf den Gütermärkten. Jahrelang sorgten seine Betriebe mit stetig steigender Nachfrage dafür, dass sich Sorgen vor Engpässen breitmachten – und die Preise der Rohstoffe hochgingen. So verachtfachten sich Chinas Kohleeinfuhren zwischen 2008 und 2013. Die Produzenten erschlossen daraufhin Tausende zusätzliche Minen und Ölfelder, die Reeder ließen Schiffe bauen. Jetzt kommen die zusätzliche Güter auf den Markt, doch China nimmt sie nicht ab. Die Kohleimporte etwa ließen 2014 nach – und waren von Januar bis Oktober 2015 fast 30 Prozent niedriger als im Jahr zuvor. Statt Knappheit fürchten die Marktteilnehmer daher nun ein Überangebot. Die Preise rauschen in den Keller.

Kein Land schmerzt das so wie den einstigen Wachstumsstar Brasilien. Von Soja über Erdöl bis Erz lieferten die Südamerikaner den Chinesen, was diese verlangten – und verdienten prächtig. Jetzt ist das vorbei. 2015 schrumpfte die brasilianische Wirtschaft um etwa 3,7 Prozent, für dieses Jahr sagen Ökonomen in einer Umfrage der Zentralbank ein neuerliches Minus von knapp drei Prozent voraus. Es wäre Brasiliens tiefste Rezession seit mehr als einem Jahrhundert.

Für Russland sieht es kaum besser aus: 2015 dürfte die Wirtschaftsleistung um über drei Prozent gefallen sein, 2016 erwarten viele Analysten weitere Rückgänge. Rohstoffnationen wie Australien oder Kanada nehmen ihre Wachstumsprognosen zurück. Selbst die Ölmonarchie Saudi-Arabien muss sich nun viel Geld pumpen, um die Staatsausgaben zu bezahlen.

Einbußen drohen auch Chinas drei wichtigsten Lieferanten von Industriegütern: Japan, Südkorea – und Deutschland, das sein Exportwunder der vergangenen Jahre dem Fernen Osten verdankt. Zwar gehen nicht einmal sieben Prozent der deutschen Ausfuhren in die Volksrepublik. Andererseits entfielen seit 2008 von 140 Milliarden Euro Exportwachstum rund 40 Milliarden direkt auf China. Nimmt man wichtige asiatische Handelspartner der Volksrepublik wie die Taiwaner dazu, waren es sogar mehr als 80 Milliarden Euro.

Ein neuer Superboom vom Kaliber Chinas ist nicht in Sicht. Indien entwickelt sich zwar weiter rapide, doch seine Wirtschaft ist erst ein Fünftel so groß wie die der Volksrepublik. Andere asiatische Staaten wie Thailand, Malaysia oder die Philippinen wie auch die Lateinamerikaner stecken selbst seit Jahren in der middle income trap fest. Deshalb sei es möglich, sagt IfW-Chef Snower, »dass wir nun in eine Zeit des langsameren Wachstums kommen.«

Das muss nicht nur schlecht sein. Die Umwelt profitiert von der Industriekrise in Fernost. Laut einer Studie internationaler Klimaforscher sind 2015 die Kohlendioxid-Emissionen der Welt leicht gesunken. Das gab es zuletzt Anfang der neunziger Jahre. Danach begann das chinesische Wachstumsmärchen.

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