Umstrittener Biosprit: Was wurde aus… E10?


Vor drei Jahren sorgte die schlecht vorbereitete Einführung des Biosprit-Gemischs für Chaos an Deutschlands Tankstellen. Die Hysterie hat sich mittlerweile gelegt. Doch für die meisten Autofahrer ist E10 alles andere als Super. Von Claus Hecking für SPIEGEL ONLINE

Hamburg – An Deutschlands Tankstellen geht es wieder gesittet zu. Verschwunden sind die Warnschilder: „Verträgt Ihr Fahrzeug wirklich E10?“. Ordentlich maschinell beschriftet sind die Zapfsäulen, nicht mehr wild überklebt, durchgestrichen oder gar handbekritzelt wie Anfang 2011. Niemand regt sich mehr groß über E10 auf: den ungeliebten Ethanol-Sprit.

Die meisten Autofahrer ignorieren ihn jetzt einfach.

Was war das für ein Chaos in den ersten Wochen des Jahres 2011: Als die Mineralölkonzerne auf Drängen der Bundesregierung E10 einführten, das neue Superbenzin mit zehn Prozent Ethanol aus Agrarprodukten. Als das altbekannte Super mit nur fünf Prozent Ethanol, das 97 Prozent aller Benzin-Pkw genutzt hatten, über Nacht vielerorts gar nicht mehr zu kriegen war. Als Automobilverbände, Hersteller und Importeure zur Vorsicht beim E10-Tanken mahnten, weil der Kraftstoff die Motoren schädigen könne. Und als die völlig verunsicherten Kunden ihre Fahrzeuge auspumpen ließen oder lieber gleich das viel teurere Super Plus einfüllten.

„Bild“-Zeitung, Kirche, Greenpeace – alle einer Meinung

Bald schoss sich die „Bild“-Zeitung auf die angebliche „Öko-Plörre“ ein. Naturschutz-Organisationen wie Greenpeace und Kirchenvertreter forderten die Abschaffung von E10, weil Nahrungsmittel nicht in den Tank wandern sollten. Online-Autoportale riefen zum Boykott des neuen Benzins auf, Tausende unterschrieben Anti-E10-Petitionen. Und Hunderttausende Pkw-Fahrer stürmten die Tankstellen, die noch das gute alte Super 95 verkauften. Denn keiner der Beteiligten an der E10-Einführung hatte die Verbraucher vorab informiert: Die Automobilhersteller nicht. Die Mineralölkonzerne nicht. Die Automobilverbände nicht. Und auch nicht die Politiker um den damaligen Umweltminister Norbert Röttgen (CDU).

Schließlich rief Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) im März 2011 alle Beteiligten zum großen Benzingipfel zusammen. Die Tankstellenkonzerne boten wieder das herkömmliche Super an, zusätzlich zu E10. Bald war der Aufruhr vorbei. Bis Entwicklungsminister Dirk Niebel 2012 noch mal die Aussetzung von E10 forderte, weil es „zu stärkerem Hunger in der Welt beitragen“ könne.

Das Ende der Hysterie – „Es ist ja deutlich billiger“

Noch immer ist E10 an fast jeder Tankstelle zu haben. Durch den Agrosprit beschädigte Motoren sucht man hingegen vergebens. „Uns ist seit der Einführung von E10 kein einziger solcher Fall bekannt“, sagt Marion-Maxi Hartung, Sprecherin des ADAC. Fast alle Neufahrzeuge und mehr als 90 Prozent der älteren Modelle vertragen problemlos E10; die Deutsche Automobil-Treuhand hat eine detaillierte Liste veröffentlicht. Das Magazin „Oldtimer-Markt“ rät nach einem Test nun sogar dazu, lieber den Zehnprozenter als Super E5 zu tanken, weil der Mix besser für Benzinschläuche und Aluminiumgehäuse sei.

„Die Hysterie hat sich abgelaufen“, sagt Dietrich Klein, Geschäftsführer des Bundesverbandes der deutschen Bioethanolwirtschaft. „Allmählich kriegen wir mehr Sachlichkeit in die Diskussion“. Der ADAC rät heute dazu, geeignete Benziner mit E10 zu betanken. „Es ist ja deutlich billiger“, sagt Sprecherin Hartung, im Regelfall um vier Cent pro Liter, bei durchschnittlich 1,5 Prozent Mehrverbrauch.

Und trotzdem trauen die Deutschen dem Agrosprit noch immer nicht. Der Anteil von E10 am Benzinmarkt liegt heute bei 15,5 Prozent. „Ein Auto ist eine teure Anschaffung, da will man bloß nichts verkehrt machen“, sagt Hartung.

Tankstellenbetreiber können E10 nicht abschaffen

Beim größten deutschen Tankstellenbetreiber Aral stagniert der Absatz seit gut zwei Jahren bei 20 Prozent. „Da tut sich nicht viel nach oben oder unten“, sagt Sprecher Detlef Brandenburg. Ursprünglich hatten Mineralölkonzerne wie Total für E10 einen Marktanteil von 80 Prozent erwartet. Hinter den Kulissen klagen sie nun über hohe Kosten für Logistik und Lagerung der Sorte. E10 abschaffen wollen sie aber nicht. „Es ist wichtig, um den gesetzlich vorgegebenen Bioanteil zu erfüllen“, sagt Brandenburg. Der Staat schreibt den Mineralölkonzernen vor, dass sogenannte Biokraftstoffe einen Anteil von 6,25 Prozent am gesamten Kraftstoffabsatz haben müssen.

„Bio“ sei der völlig falsche Ausdruck für E10, meint Martin Hofstetter, Landwirtschaftsexperte von Greenpeace. „Das ist hochintensive agrarindustrielle Produktion von Getreide und Zuckerrüben, die viel Bodenfläche verbraucht, kaum günstig auf das Klima wirkt“ und zudem „ethisch verwerflich“ sei. Zwar habe sich die Lage an den globalen Agrarbörsen seit 2011 gebessert; es gebe zurzeit genug Angebot. Trotzdem sei zu befürchten, dass die Treibstoffgewinnung manche Lebensmittel für arme Menschen unerschwinglich mache.

Gesunkene Spritpreise sorgen für Entspannung

Bioethanol-Lobbyist Klein hält das für abwegig: „Europa kann mit seinen Exporten nicht die Welt ernähren.“ Doch seine Branche ist in der Defensive, denn die EU ist umgeschwenkt: Noch 2007 beschloss Brüssel, die Staaten müssten zehn Prozent ihres Gesamtenergiebedarfs für den Verkehr aus Biosprit decken, es war der Auslöser für E10 in Deutschland. Diesen Sommer aber haben die EU-Energieminister die Förderung beschränkt – herkömmliche Biokraftstoffe dürfen höchstens mit sieben Prozent zum Ökoziel beitragen. Den Rest müssen die Staaten mit Elektroautos und Sprit aus Abfällen oder Pflanzenresten erreichen. Diese sogenannten Biokraftstoffe der zweiten Generation sind von Massenproduktion aber noch weit entfernt.

Den meisten Autofahrern ist das Politgeschacher wohl egal. Sie fahren gerade entspannt zur Tankstelle: wegen gesunkener Rohölpreise ist der Liter Super rund 20 Cent billiger als vor zwei Jahren. Wen jucken da noch vier Cent Aufschlag für den echten Stoff? (Artikel vom 09.10.2014)

 

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