3415 Prozent Plus in 10 Wochen: Chinas irrer Börsenrausch


In der kommunistischen Volksrepublik haussieren die Aktienmärkte wie verrückt. Ob Profi-Spekulaten oder Analphabeten, alle zocken mit. Wann platzt die Blase? Von Claus Hecking für DIE ZEIT. Bild: Shenzen Stock Exchange.

+++ Aktualisierung, 8.7.2015: Die Blase platzt: Chinas Leitbörse in Shanghai hat heute die schlimmsten Kursverluste seit acht Jahren erlebt. Der Leitindex Shanghai Composite hat zeitweise mehr als 8 Prozent verloren, Dutzende Aktien sind vom Handel ausgesetzt worden. In den vergangenen drei Wochen ist der Index um rund 30 Prozent eingebrochen. +++

5.6.2015: Den Aktionären von Beijing Baofeng Technology muss die vergangene Woche abstrus vorgekommen sein: Am Donnerstag und Freitag rutschte der Kurs des Anbieters für Onlinevideos binnen 48 Stunden um fast neun Prozent ab – Neuland für die Anteilseigner. War ihr geliebtes Papier doch in den ersten 28 Tagen nach dem Börsendebüt an jedem einzelnen Tag um exakt zehn Prozent gestiegen, mehr lässt der chinesische Staat nicht zu. Das war selbst dem Management des Unternehmens unheimlich. Kürzlich rief es die Kapitalgeber öffentlich auf, »rational zu investieren und aufmerksam gegenüber Risiken zu sein«. Dann, am Montag, legte das Papier wieder zu, 5,5 Prozent, der Schlusskurs betrug 251 Yuan. Macht insgesamt 3415 Prozent Plus seit dem Börsengang am 24. März. Da kostete die Aktie noch 7,14 Yuan.
Beijing Baofeng Technology ist der allerheißeste Titel in einem heiß gelaufenen Markt. Die kommunistische Volksrepublik China schwelgt im Börsenrausch. Seit dem vergangenen Juli sind die Kurse am wichtigsten Handelsplatz in Shanghai im Schnitt um mehr als 130 Prozent gestiegen. An der technologielastigeren Börse von Shenzhen haben sie sich binnen Jahresfrist fast verdreifacht. 100 Millionen Chinesen mischen nach offiziellen Angaben mittlerweile im Aktienmarkt mit. Das tägliche Handelsvolumen im Reich der Mitte ist bisweilen viermal so hoch wie an der Wall Street. Und Woche für Woche kommen derzeit zwischen drei und viereinhalb Millionen neue Depots dazu.
Seit vergangenen Donnerstag ist die Hochstimmung etwas getrübt. Da verlor der Shanghaier Leitindex sechs Prozent, binnen weniger Stunden wurden umgerechnet 550 Milliarden US-Dollar Börsenwert vernichtet. Tags drauf ging es nach schlechtem Start bald wieder nach oben. Aber die Angst wächst, dass der Mini-Einbruch nur das Vorspiel zum ganz großen Crash sein könnte.»Was sich gerade an Chinas Börsen abspielt, kann nicht gesund sein«, sagt Harwig Wild, Emerging-Markets-Stratege beim Frankfurter Bankhaus Metzler. »Das koppelt sich von allem ab, was sonst in der Welt geschieht.« Griechenland oder der schwankende Ölpreis sind für Chinas Aktionäre kein Thema. Selbst die sich abzeichnende Wachstumsschwäche in ihrer Heimat lässt die Zocker kalt. Im Gegenteil: Sie scheint die Superhausse sogar zu befeuern.
Der Dotcom-Boom in den USA und die Neue-Markt-Blase vor der Jahrtausendwende erscheinen geradezu vernünftig, gemessen an dem, was sich gerade im »Crazy Casino« abspielt, wie das Wirtschaftsmagazin The Economist Chinas Aktienmarkt getauft hat. Im April etwa gingen laut der britischen Financial Times die Kurse sämtlicher 29 Unternehmen, die sich an den Börsen Shanghai und Shenzen erstmals listen ließen, nach oben – an jedem einzelnen Handelstag des Monats.
Von Profi-Spekulanten über Rentner bis zu Analphabeten: Alle zocken mit. Aktien kaufen wird zum Volkssport in China. Laut einer Untersuchung der Universität für Finanzwesen und Wirtschaft Südwestchinas haben mehr als zwei Drittel der Neubörsianer vor ihrem 16. Geburtstag ihre Schullaufbahn beendet. »Der Markt wird sehr stark von privaten Investoren getrieben«, sagt Yanis Hübner, China-Experte der Dekabank. »Diese Leute sind offenbar auf kurzfristige Börsengewinne aus.« Schließlich habe der Anteil der Käufe auf Kredit in den vergangenen Monaten stark zugenommen.
Üblicherweise deuten sprunghafte Kurssteigerungen am Kapitalmarkt auf einen kommenden Boom der Realwirtschaft hin. In China allerdings ist das Wachstum in den ersten drei Monaten dieses Jahres auf den schwächsten Wert seit Langem gefallen: laut offiziellen Angaben auf 7,0 Prozent. Und diese Ziffer halten Ökonomen für heillos übertrieben. Zugleich gehen Chinas Exporte zurück, wie auch die Importe von Kohle und anderen Rohstoffen – was auch nicht für einen Aufschwung spricht.Um die Konjunktur zu päppeln und Investitionen billiger zu machen, hat die Pekinger Zentralbank die Leitzinsen seit November schon dreimal gesenkt. Doch dadurch kommt noch mehr Geld auf die Finanzmärkte, das angelegt werden will. Zugleich denkt Chinas Mittelklasse um. Lange Zeit haben viele Bürger ihre Ersparnisse fürs Alter bevorzugt in Immobilien oder Anleihen gesteckt. Doch seit einiger Zeit wächst das Misstrauen gegenüber beiden Anlagekategorien. Denn der überhitzte Wohnungsmarkt schwächelt – und öffentliche Schuldpapiere sind oft mit Immobilien als Sicherheit hinterlegt. »Das schürt die Angst, dass es bei den Anleihen Zahlungsausfälle geben könnte«, sagt Wild vom Frankfurter Bankhaus Metzler. »Viele Chinesen sehen offenbar in Aktien die neue Alternative.«Eine teure Alternative. In Shenzhen werden Unternehmen im Schnitt mit dem 72-Fachen ihres Jahresgewinns gehandelt, am Start-up-Markt ChiNext sind die Aktienkurse etwa 130-mal so hoch. Zum Vergleich: Beim ambitioniert bewerteten deutschen Leitindex Dax beträgt das Kurs-Gewinn-Verhältnis gerade einmal 19. »Risiken türmen sich auf«, warnt die Bank of America Merrill Lynch, die Bewertungen an Chinas Börse hätten sich »abgekoppelt« von Unternehmensgewinnen und dem Zustand der chinesischen Wirtschaft. Mark Mobius, Emerging-Markets-Chef des Fondshauses Frankling Templeton, hält einen Rückschlag um 20 Prozent für »sehr gut möglich«.

Auch Chinas Regierung ließ jüngst verkünden, der Kauf von Aktien sei mit Risiken verbunden. Deutlicher wird sie aber nicht. Sie will eine Wiederholung der Ereignisse von 2007 vermeiden, als der Aktienmarkt nach einer Rallye binnen weniger Monate um fast 70 Prozent einbrach. Ein ähnlicher Kursverfall in diesem Jahr würde Dutzende Millionen Spekulanten schlagartig verarmen lassen. Dies könnte den privaten Konsum und die Konjunktur erheblich schwächen: zuerst in China, später dann auch bei seinen Lieferanten aus der ganzen Welt.

Zudem hat das Regime großes Interesse an einem prosperierenden Aktienmarkt, um die Unternehmen langfristig zu finanzieren. Viele chinesische Konzerne leiden unter einer hohen Schuldenlast, sie brauchen dringend Eigenkapital – das könnten sie über die Börsen einsammeln.

Und so lässt Peking den Hype weiter laufen. Die bisweilen kritische Zentralbank beschränkte sich in ihrem neuem Kommuniqué vom Wochenende auf den Wunsch nach einem »gesunden« Aktienmarkt. Parallel titelten einige regierungsnahe Medien, die Grundlagen des Booms wie billiges Notenbankgeld und wirtschaftliche Reformen seien intakt. Demnächst steht ja auch ein neues Megaevent an: Der staatliche Atomkraftwerksbauer China National Nuclear Power will Aktien im Wert von mehr als zwei Milliarden Euro unters Volk bringen. Es soll Chinas größter Börsengang seit vier Jahren werden.

 

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