Klimawandel: „Wollen Sie, dass wir zu Ihnen kommen?“


Der Inselstaat Kiribati droht durch den Klimawandel im Meer unterzugehen. Präsident Anote Tong ruft im ZEIT-Interview um Hilfe.

DIE ZEIT: Herr Präsident, vor einigen Monaten sind Sie um die halbe Erde geflogen, nur um sich Gletscher auf der Arktis-Inselgruppe Spitzbergen anzuschauen. Was sollte das?

Anote Tong: Ich will die Menschen darauf aufmerksam machen, dass die Eisschmelze rund um den Nordpol direkte Folgen hat für uns auf der anderen Seite der Welt. Die Eisberge und Gletscher von Spitzbergen sind majestätisch, ein wunderschöner Teil der Schöpfung. Aber sie können uns auf Kiribati vernichten, wenn sie abschmelzen und dadurch der Meeresspiegel noch weiter ansteigt. Die Menschen destabilisieren das Gleichgewicht, das Gott erschaffen hat, indem sie durch ihr Verhalten das Klima verändern. Wir auf Kiribati haben dieses Problem nicht verursacht, aber wir müssen die Folgen tragen. Mein Land steht jetzt am Rande der Zerstörung.

ZEIT: Wie bedroht der Klimawandel Ihr Volk?

Tong: Kiribati besteht aus 33 Inseln, davon liegen 32 nur wenige Meter über dem Meeresspiegel. Sie in Europa haben Hügel oder Berge, auf die Sie sich in der Not zurückziehen können. Auf unseren Inseln sind die größten Erhebungen oft nur drei, vier Meter über dem Meer. Wenn das Wasser nun höher steigt als normal und an unsere Häuser und Dörfer heranrückt, können wir nirgendwohin. Wir sind der Gnade der Elemente ausgeliefert.

ZEIT: Im Laufe der vergangenen hundert Jahre ist der Meeresspiegel im weltweiten Durchschnitt nur um etwa 20 Zentimeter gestiegen. Ihre Inseln liegen höher. Warum fühlen Sie sich so bedroht?

Tong: Durchschnittswerte sagen wenig über konkrete Auswirkungen aus. Das Dorf zum Beispiel, in dem ich vor 50 Jahren zur Schule gegangen bin, ist zerstört, weil es heute bei Flut unter Wasser steht. Und wenn Springfluten kommen, schwappen die Wellen an vielen Inseln über die Ufermauern. Zudem verändert der Klimawandel unser Wetter. Seit einiger Zeit häufen sich gefährliche Stürme. Erst im März hat uns Zyklon Pam getroffen, der schlimmste in Kiribatis Geschichte. Die Springflut war fast drei Meter hoch. Häuser und Hütten, Felder und ganze Dörfer wurden überschwemmt. Hunderte Menschen verlassen jetzt diese Orte. Sie sind verängstigt, und sie haben oft kein Süßwasser mehr. Das Salzwasser hat Brunnen und Böden verseucht.

ZEIT: Wie versorgen Sie Ihr Volk mit Trinkwasser?

Tong: Zum Wassersammeln haben wir den Menschen Plastiktanks bereitgestellt, die den Regen auffangen sollen. Aber auch der Regen kommt nicht mehr so zuverlässig wie früher. Natürlich denken wir über neue Möglichkeiten nach, zum Beispiel Meereswasser mit Solarenergie zu entsalzen. Aber diese Anlagen sind zu teuer für uns. Wir schaffen es ja schon nicht, alle Schäden der Überflutungen zu beseitigen, dazu fehlen uns Geld und Arbeitskräfte.

„Ohne Gegenmaßnahmen wird Kiribati im Ozean versinken“

ZEIT: Wie schützen Sie sich vor neuen Fluten?

Tong: Wir bauen zerstörte Wellenbrecher und Seedeiche wieder auf. Aber wir schaffen es nicht alleine, Anlagen zu errichten, die uns langfristig absichern. Dafür fehlen uns die Ressourcen. Unsere Reparaturen werden nicht 10 oder 20 Jahre lang halten. Auf Dauer können wir die Sicherheit unserer Einwohner nicht garantieren. Einige Dörfer sind schon jetzt nicht mehr bewohnbar, wegen der Überschwemmungen, des versalzenen Grundwassers und der zerstörten Felder. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen: Ohne bedeutende Gegenmaßnahmen wird Kiribati früher oder später im Ozean versinken.

ZEIT: Hört Ihnen der Rest der Welt Ihnen zu?

Tong: Die meisten Menschen in den Industrieländern ignorieren uns. Sie verbrennen immer mehr Kohle, sie interessieren sich nur für ihren Lifestyle, ihren persönlichen Wohlstand, ihr Wirtschaftswachstum – ohne darüber nachzudenken, was das für uns im Pazifik bedeutet. Die großen Staaten müssen endlich anfangen, die Erwärmung entschlossen zu bekämpfen. Und sie müssen Kiribati jetzt helfen, mit den Folgen des Klimawandels fertigzuwerden. Wir sind ja nur in dieser Lage, weil Menschen auf der anderen Seite der Erde etwas falsch gemacht haben. Wir hoffen auf Mitmenschlichkeit und Mitgefühl. Sonst werden wir bald unsere Heimat und unsere Zukunft verlieren.

„Ich hoffe, dass die anderen Staaten nicht warten, bis unsere Bürger ertrinken“

ZEIT: Wie reagiert die internationale Gemeinschaft?

Tong: Wir kriegen etwas Entwicklungshilfe, aber wir bekommen keine Antwort auf unsere drängende Frage: Wie können wir unsere Inseln so gut schützen, zum Beispiel durch hohe, solide Deiche, dass zukünftige Generationen überleben können? Bislang weisen alle Staaten die Verantwortung zurück. Ich bin enttäuscht und fühle mich betrogen. Aber ich hoffe noch immer, dass die internationale Gemeinschaft einsieht, dass sie uns helfen muss. Ich hoffe, dass die anderen Staaten nicht warten, bis unsere Bürger ertrinken.

ZEIT: Japanische Ingenieure haben vor einigen Jahren schwimmende künstliche Inseln mit mehreren Kilometern Durchmesser vorgeschlagen, auf denen sich Ihre gut 100.000 Bürger ansiedeln sollten. Was ist aus dieser Idee geworden?

Tong: Diese Pläne waren für mich wie Science-Fiction. Solche Inseln würden meines Wissens mindestens zwei Milliarden Dollar kosten. Das könnten wir niemals bezahlen. Auch hier wird die Weltgemeinschaft entscheiden müssen: Kaufen wir diese Inseln, und helfen wir Kiribati?

ZEIT: Vor gut einem Jahr haben Sie selbst 2.400 Hektar Land auf den Fidschi-Inseln gekauft …

Tong: … die Böden auf Fidschi sind fruchtbarer als bei uns. Wir wollen dort Maniok, Süßkartoffeln, Taro-Wurzeln und andere Nahrungsmittel anbauen. Wir müssen ja unsere Lebensmittelversorgung sicherstellen; auch sie ist vom Klimawandel bedroht.

ZEIT: Hand aufs Herz: Soll dieses Land eines Tages zur neuen Heimat für Ihr Volk werden?

Tong: Ich stelle Alternativen für die Zukunft bereit. Persönlich habe ich gelobt, mein Volk nicht umzusiedeln; es geht ja um mehr als 100.000 Menschen. Aber meine Amtszeit endet nächstes Jahr, und meine Nachfolger sollen nicht genauso entscheiden müssen. Die Regierung von Fidschi hat mehrmals gesagt, dass das Volk von Kiribati willkommen sei, wenn es wegen des Klimawandels umsiedeln muss. Ich danke und applaudiere Fidschi dafür, wir könnten mehr solche Solidarität gebrauchen.

ZEIT: Vor zwei Wochen hat Neuseeland einen Ihrer Staatsbürger zurück nach Kiribati abgeschoben. Er hatte sich geweigert, das Land zu verlassen, und Asyl beantragt. Seine Familie und er wollten die ersten anerkannten Klimaflüchtlinge der Welt werden – aber sie sind gescheitert.

Tong: Wir haben diesen Antrag nie unterstützt. Andererseits versuchen wir schon, gerade junge Menschen so gut wie möglich auszubilden und sie auf die Auswanderung vorzubereiten, die ihnen womöglich bevorsteht. Wir wollen, dass sie keine Last für den anderen Staat werden und ihren Platz in der dortigen Gesellschaft finden. Sie sollen nicht in eine Lage kommen wie all diejenigen Flüchtlinge, die in diesen Wochen in Massen nach Europa kommen und dabei viel Leid ertragen müssen. Sie in Deutschland heißen diese Menschen herzlich willkommen, das finde ich bewundernswert. Aber klar ist auch: Wenn eine große Zahl von Flüchtlingen in ein anderes Land emigriert, führt das dort zu Spannungen.

ZEIT: Deutschlands Treibhausgasausstoß war zuletzt höher als im Jahr 2009, selbst die Kohleindustrie wird weiter vom Staat unterstützt. Was halten Sie von der deutschen Klimapolitik?

Tong: Die deutsche Energiewende ist vorbildlich, und die europäischen Staaten haben den Klimawandel früh in den internationalen Verhandlungen thematisiert. Wir haben auch gehört, dass Deutschland Geld für den sogenannten grünen Klimafonds der UN geben wird …

ZEIT: … für den die reichen Nationen jedes Jahr 100 Milliarden US-Dollar mobilisieren wollen, um die armen Staaten beim Klimaschutz zu unterstützen. Ist das nicht genug Solidarität?

Tong: Leider haben viele Regierungen das versprochene Geld noch nicht bereitgestellt. Die Politiker sagen jetzt, der Großteil soll von privaten Investoren kommen. Das enttäuscht mich. Wissen Sie, ich habe zwölf Jahre lang der Welt erzählt, wie Kiribati unter dem Klimawandel leidet. Ich habe eine Menge Zuspruch und Mitleidsbekundungen gehört. Aber das hilft uns nicht. Wir brauchen jetzt keine netten Worte, sondern konkrete Taten, damit wir ein sicheres Leben auf Kiribati führen können.

„Es wird Millionen Klimaflüchtlinge geben“

ZEIT: Warum ist so wenig passiert?

Tong: Die meisten Menschen sind nicht bereit, ihren Lebensstil wegen anderer Menschen zu ändern. Sie ignorieren uns, weil es bequem ist. Aber schauen Sie, was gerade in Europa passiert. Plötzlich kommen da Hunderttausende Menschen aus Syrien und klopfen an Ihre Tür, und plötzlich müssen Sie sich dem Problem stellen. Wollen Sie, dass wir auch zu Ihnen kommen und sagen: „Hier bin ich, weil meine Heimat auf der anderen Seite der Erde verschwunden ist.“?

ZEIT: Wird es wirklich zu so einer Massenflucht kommen?

Tong: Es wird Millionen Klimaflüchtlinge geben, politische Instabilität, Bürgerkriege, viele Opfer. Die Frage ist: Versucht die Welt dieses Problem jetzt zu lösen, oder wartet sie darauf, bis die Krise unkontrollierbar wird?

ZEIT: Seit Jahren scheitert eine Klimakonferenz nach der nächsten. Wieso sollte der Pariser Gipfel ein Abkommen zur Begrenzung der Treibhausgasemissionen erreichen?

Tong: Ich gebe die Hoffnung nicht auf. Fast alle Staaten erkennen mittlerweile an, dass es den menschengemachten Klimawandel gibt. Große Staaten wie China oder die USA wollen ihre Emissionen verringern. Vor allem aber ist erneuerbare Energie viel billiger geworden. Jetzt kommt es darauf an, ob der politische Wille wirklich da ist, Abschied von den fossilen Brennstoffen zu nehmen. Wir wissen, dass wir nicht von heute auf morgen die komplette Energieversorgung umstellen können. Aber es wäre nun wichtig, ein Zeichen zu setzen.

ZEIT: Welches Zeichen wünschen Sie sich?

Tong: Das größte Problem der Menschheit ist die Kohle. Ihre Verbrennung setzt die meisten CO₂-Emissionen frei und schadet uns fürchterlich. Daher brauchen wir jetzt ein globales Moratorium. Die Staaten der Welt müssen so schnell wie möglich die Eröffnung neuer Kohlegruben und den Ausbau alter Förderstätten verbieten. Wenn die Menschheit jetzt anfängt, die Kohle im Boden zu lassen, gibt es irgendwann auch keine Kohlekraftwerke mehr.

ZEIT: Die Staats- und Regierungschefs der großen Nationen kommen nur zur Eröffnung des Gipfels nach Paris, dann reisen sie schon wieder ab. Und was machen Sie?

Tong: Ich werde vom ersten Tag bis zum Ende der letzten Verhandlung bleiben – egal, wie lange es dauert. Wenn ich nach Hause komme, will ich meinen Bürgern eine Lösung mitbringen, die ihren Kindern und Enkelkindern eine Perspektive verspricht. Es geht um die Zukunft von Kiribati. Dafür werde ich kämpfen.

Anote Tong (63) ist seit 2003 Präsident von Kiribati. Der Sohn eines chinesischen Einwanderers und einer I-Kiribati, wie sich die Einheimischen nennen, warnt seit Jahren vor den verheerenden Folgen des Klimawandels für seine kleine Nation. 2016 läuft Tongs dritte und letzte Amtszeit ab. Dann will der siebenfache Familienvater »endlich in Ruhe fischen gehen«.

Kiribati (gesprochen: Kiribas) ist einer der größten und kleinsten Staaten der Erde zugleich. Die 33 Pazifikinseln mit insgesamt rund 103.000 Einwohnern liegen bis zu 4.000 Kilometer auseinander. Zusammen haben sie nur 811 Quadratkilometer Landfläche – weniger als Berlin. Da die Atolle im Schnitt nur etwa zwei Meter über dem Meeresspiegel liegen, ist Kiribati sehr anfällig für Überflutungen. Die Insulaner leben von Entwicklungshilfe, Fischfang und dem Export von Kokosnussprodukten.

Foto: Government of Kiribati (http: http://www.climate.gov.ki/changing-climate)

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