Ölpreis: Einer muss bezahlen


Deutsche Autofahrer freuen sich über billigen Kraftstoff. Doch in anderen Ländern bedroht der Crash an den Erdölmärkten die Stabilität. Von Claus Hecking für DIE ZEIT

16.02.2016 – In diesen Wochen erlebt Nigerias Präsident Muhammadu Buhari ein Déjà-vu: Kaum ist er im Amt, stürzt der Ölpreis ab. So war es schon Ende 1983, als sich der recht junge Militäroffizier an die Macht putschte. Und so ergeht es dem mittlerweile 73-jährigen Buhari auch jetzt, wenige Monate nach seiner demokratischen Wahl zum Staats- und Regierungschef von Schwarzafrikas öl- und bevölkerungsreichster Nation. Und genauso wie damals müssen sich die Nigerianer nun wohl auf Unruhe und Chaos einstellen.

Zurzeit verhandelt Buharis Regierung mit der Weltbank und der Afrikanischen Entwicklungsbank über Notkredite in Höhe von angeblich 3,5 Milliarden Dollar. Denn Nigerias wichtigste Geldquelle versiegt. Rund 70 Prozent des Staatsbudgets machten bislang Einkünfte aus dem Rohölverkauf aus.

Die Petrodollar haben dem Vielvölkerstaat jahrelang ein Mindestmaß an Zusammenhalt garantiert. Geschätzte 180 Millionen Einwohner hat Nigeria mittlerweile, sie verteilen sich auf mehr als 250 ethnische Gruppen, 36 Bundesstaaten sowie die Hauptstadt Abuja. Im Süden leben vor allem Christen, im Norden hauptsächlich Muslime, dort wütet die Terrorgruppe Boko Haram. Seit Jahren leitet der Zentralstaat etwa die Hälfte seiner Öleinnahmen an die Bundesstaaten weiter – auch, um die Regionen zu befrieden. Aber dort wird es jetzt prekär: Wie nigerianische Medien berichten, konnten einige Bundesstaaten zeitweise nicht einmal mehr ihren Angestellten den monatlichen Mindestlohn von umgerechnet knapp 90 Euro bezahlen.

Deutsche Autofahrer mögen sich freuen, wenn der Liter Diesel keine 95 Cent und Super weniger als 1,20 Euro kostet. Weltweit aber sorgt der Einbruch der Rohölpreise für Instabilität. Schließlich ist Nigeria längst nicht die einzige Ölnation in akuter Finanznot.

Die Kaukasus-Republik Aserbaidschan verhandelt mit Weltbank und Internationalem Währungsfonds (IWF) über Notkredite in Höhe von vier Milliarden Dollar. Auch Angola – dessen Wirtschaftsleistung während des weltweiten Ölbooms jährlich zweistellig wuchs – bittet die Weltbank um Hilfe. Venezuela steht am Rande des Bankrotts: Der Finanzmarkt für Kreditausfallversicherungen erwartet mit 85-prozentiger Wahrscheinlichkeit die Pleite binnen zwölf Monaten. Alle genannten Staaten haben Kapitalverkehrskontrollen eingeführt, einige schränken den Umtausch ihrer Landeswährung ein, um diese vor dem Kollaps zu schützen. Ergebnis: Vielerorts gedeihen nun Schwarzmärkte für US-Dollar.

Kämpfer gegen den IS kriegen keinen Lohn mehr

Kaum ein Rohstoffstaat hat im vergangenen Boom seine Wirtschaft konsequent diversifiziert, um sie von den Petrodollar unabhängiger zu machen. Das rächt sich nun. „Die Verwundbarkeit wächst“, sagte IWF-Chefin Christine Lagarde kürzlich bei einem Nigeria-Besuch.

Besonders bedrohlich könnte die Lage im Irak werden. Der Ölpreisschock gefährde den Kampf der Regierung in Bagdad gegen die Terrorgruppe „Islamischer Staat“ (IS), warnt Premierminister Haidar al-Abadi – und fordert nun ebenfalls die Unterstützung des IWF. Mehr als 90 Prozent der irakischen Staatseinkünfte hängen am Öl. Dabei kalkuliert die Regierung für 2016 mit einem Preis von 45 US-Dollar pro Barrel (159 Liter). Der Website iraqoilreport.com zufolge aber nahm das Land in diesem Januar im Durchschnitt nur gut 22 Dollar je Fass ein.

In Bagdad ist immerhin noch genug Geld vorhanden, um Staatsdienern ihre Gehälter und Pensionen auszuzahlen. In Erbil, ein paar Hundert Kilometer weiter nördlich, sieht es düsterer aus. Die halb autonome Regionalregierung von Kurdistan ist ihren Angestellten sowie Peschmerga-Kämpfern, die es mit dem IS aufnehmen, teils schon seit Monaten den Lohn schuldig. Und so häufen sich in der Region die Streiks und gewalttätigen Proteste. Zum Glück schwächt der Preisverfall auf den Rohstoffmärkten auch den Gegner: Für den IS war Erdöl von Anfang an eine der wichtigsten Einnahmequellen.

Der Schwarzmarkt gedeiht

Die Preise sind so tief gefallen, dass der Schatz im Boden manchen Produzenten mittlerweile sogar Verluste einbringt. Nigerias Ölfelder sind nach Berechnungen des norwegischen Analysehauses Rystad Energy im Durchschnitt erst bei gut 68 Dollar je Fass profitabel. Buharis Regierung erwartet für dieses Jahr ein Staatsdefizit von umgerechnet mehr als 15 Milliarden Dollar – bei einem Gesamthaushalt von gut 30 Milliarden. Die möglichen 3,5 Milliarden Dollar von der Weltbank und der Afrikanischen Entwicklungsbank dürften also nicht lange reichen. Trotzdem braucht Nigeria das Geld dringend. Die Devisenreserven schwinden dahin, die heimische Währung Naira verlor schon beim Ölpreisrutsch vor gut einem Jahr drastisch. Je schwächer sie wird, umso größer wird das Inflationsrisiko.

Nigerias Zentralbank hat vor einigen Monaten auf Druck der Regierung den Wechselkurs festgefroren – und erschwert seither den Bürgern den Umtausch der Naira in Dollar oder andere harte Devisen. Zugleich beschränkt der Staat neuerdings den Import einer Reihe von Konsumgütern: von Reis über Schaufeln bis zu Zahnstochern. Mit diesen Maßnahmen will Buhari den Abfluss von Geld ins Ausland begrenzen und die heimische Wirtschaft stärken.

Gebracht hat es bislang wenig. So hat Nigerias Zentralbank zwar mehrere Milliarden Dollar ausgegeben, um auf den internationalen Devisenmärkten ihre Landeswährung zu kaufen und so den offiziellen Wechselkurs von knapp 200 Naira je Dollar aufrecht zu erhalten. Im eigenen Land hat sich trotzdem – oder gerade deswegen – ein reger Schwarzmarkt entwickelt. Dort zahlen die Bürger Medienberichten zufolge teilweise schon mehr als 300 Naira für einen Dollar. Seit Monaten fordern Ökonomen, Analysten und Oppositionelle die Freigabe des Wechselkurses. Diese wäre zusammen mit einer Reihe von Reformen und Maßnahmen gegen die verbreitete Korruption wohl auch Bedingung für ein umfassendes Rettungspaket des IWF für das angeschlagene Land. Doch Buhari weigert sich. Er werde nicht die „Naira töten“, lässt er verlauten.

Schon einmal hat er den internationalen Geldgebern die Stirn geboten: 1984 und 1985, während seiner ersten Amtszeit. Auch damals ließ Buhari keine Abwertung der nigerianischen Währung zu und verhängte Importverbote, als die Devisen knapp wurden. Dazu ließ der Diktator Hunderttausende Gastarbeiter aus Nigeria ausweisen. Im Sommer 1985, nicht einmal zwei Jahren nach seinem Antritt, stürzte Nigeria dann in eine tiefe Wirtschaftskrise. Und Buhari wurde weggeputscht. Vielleicht erlebt er demnächst ein weiteres Déjà-vu.

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