Berge zu Mondlandschaften


Um an Kohle zu kommen, sprengen Minenbetreiber in den USA ganze Bergkuppen weg. Mit im Geschäft sind RWE und die Deutsche Bank. Von Claus Hecking für DIE ZEIT, Foto: Paul Corbit Brown.

17.03.2016 – Wenn die Minenleute oben am Gipfel anfangen zu sprengen, bebt unten die Erde. Dann senkt sich die erste Staubwolke ins Tal: herab auf Flüsse, Wälder, Dörfer und Menschen. So geht es immer weiter, wieder und wieder, bis der Berg schließlich geköpft ist. Und der Schatz im Inneren ausgebeutet werden kann.

„Mountaintop Removal Mining“ (MTR) heißt die brutalste, zerstörerischste Technik zum Kohleabbau. In den Appalachen, der Gebirgskette im Osten der USA, roden die Grubenbetreiber ganze Berggipfel. Dann sprengen sie die Kuppen ab: so lange, bis sie an die Flöze darunter kommen. Das ist billiger als der aufwendigere Abbau unter Tage. Dafür verwandeln die Ausbeuter intakte Ökosysteme in kahle Mondlandschaften. Sie kippen den Abraum oft in nahegelegene Täler, nehmen in Kauf, dass die Natur mit Schwermetallen oder anderen Giftstoffen verseucht wird. Und von diesem schmutzigen Geschäft erhoffen sich auch zwei deutsche Großkonzerne Profite: RWE und die Deutsche Bank.

Wie die Naturschutzorganisationen urgewald und Rainforest Action Network (RAN) entdeckt haben, ist der Essener Energiekonzern seit knapp vier Jahren Miteigentümer der Blackhawk Mining LLC. Das ist die Nummer eins in diesem kontroversen Geschäft. Als sich die RWE-Konzerntochter RWE Trading Americas 2012 mit 25 Prozent beteiligte, war Blackhawk noch ein überschaubares Familienunternehmen. Doch mit dem Einstieg von RWE und mithilfe der Deutschen Bank startete es eine Expansion ohne Beispiel. 2015 war Blackhawk laut Daten der US-Minen-Aufsichtsbehörde und nach Informationen des Rainforest Action Network der größte Gipfelbergbauer der USA, mutmaßlich gar der gesamten Welt. Und RWE hält noch immer knapp zehn Prozent der Anteile. Ausgerechnet RWE.

Ist es RWE tatsächlich ernst mit dem Neuanfang? Jahrelang hat Europas größter Kohlendioxid-Emittent die Energiewende verschlafen, hat weiter auf Kohle und Atomstrom statt auf Erneuerbare gesetzt – und sich so selbst die größte Krise der Unternehmensgeschichte miteingebrockt. Nach immer neuen Milliardenabschreibungen und -verlusten hat Vorstandschef Peter Terium gelobt, RWE radikal umzubauen. Er will das Geschäft mit regenerativer Energie und anderen vermeintlich zukunftsträchtigen Bereichen in einer neuen Tochtergesellschaft bündeln – und zum Teil an die Börse bringen. Am 20. April sollen die Aktionäre auf der Hauptversammlung seinen Plan gutheißen. Terium persönlich will die „grüne“ Tochter leiten.

Doch das Mountaintop-Removal-Geschäft ist ganz und gar nicht öko. Mehr als 500 Berggipfel in den Appalachen sind schon weggesprengt worden, Flussläufe verschwunden. Sofern die Gebiete wieder renaturiert werden, dauert es Jahrzehnte, und es wird nie mehr, wie es war. Für die Anwohner noch weitaus bedrohlicher sind die Giftstoffe, die beim Sprengen und Verklappen des Abraums freigesetzt werden.

Der Sprengstaub ist krebserregend, Babies werden mit Herzfehlern geboren

„Das Risiko schwerer Erkrankungen wächst erheblich, wenn man in der Nähe von MTR-Minen wohnt“, sagt Michael Hendryx. Der Professor für Gesundheitswissenschaft an der Indiana University erforscht seit Jahren die Auswirkungen des Gipfelbergbaus auf Menschen. Unter anderem hat er Staubproben aus Nachbarorten von Minen genommen und im Labor an Lungenzellen getestet. Heraus kam: Der Staub ist potenziell krebserregend.

Erheblich steigt laut Hendryx auch die Gefahr von Nervenschäden sowie Herz- und Magen-Darm-Krankheiten. Hier hätten Nichtraucher in der Nachbarschaft von MTR-Minen ein höheres Risiko als Raucher, die abseits lebten. Und am meisten Unbehagen bereiten dem Forscher die Folgen für werdende Mütter und ihre Kinder. „Wenn eine Frau in der Schwangerschaft raucht, steigt die Wahrscheinlichkeit eines Herzschadens beim Baby um 30 Prozent“, sagt Hendryx. „Wenn eine schwangere Frau in der Nähe einer MTR-Mine lebt, steigt die Wahrscheinlichkeit um mehr als 180 Prozent.“

RWE hat keine Berührungsängste

 Studien wie diese, die unübersehbare Zerstörung der Appalachen und Kampagnen der Naturschützer machen MTR zur Pariabranche. So bezeichnen Anleger Unternehmen, von denen man aus ethischen Gründen besser die Finger lässt. Eine Reihe Großbanken wie die Bank of America, die Schweizer UBS oder Frankreichs BNP Paribas haben erklärt, sich aus der Finanzierung des MTR-Abbaus zurückzuziehen. Und einer der größten deutschen Kohleabnehmer, der Essener Stromversorger Steag, verzichtet schon seit Jahren auf MTR-Kohle. „Wir verhalten uns verantwortungsbewusst und fair“, sagt ein Sprecher. Die Steag habe ein eigenes Kontrollsystem aufgebaut, um den Ankauf von MTR-Kohle zu verhindern. Mitarbeiter besichtigen Gruben von bestimmten Unternehmen, bei denen der Konzern einkauft, und dokumentieren die Herkunft der Rohstoffe.

RWE hat weniger Berührungsängste. Als Konzernchef Terium auf Hauptversammlungen von den urgewald-Naturschützern nach MTR befragt wurde, erwiderte er, die Fördermethode sei in den USA anerkannt. Zudem kaufe RWE die Kohle in der Regel nicht unmittelbar bei bestimmten Unternehmen ein, sondern allenfalls indirekt am Großhandelsmarkt. Die Beteiligung an Blackhawk verschwieg Terium. „Er hat uns gegenüber nie erwähnt, dass RWE selbst Miteigentümer des größten MTR-Produzenten der USA ist“, sagt urgewald-Geschäftsführerin Heffa Schücking. „Terium sagt, er wolle RWE erneuern. Aber dass sich der Konzern noch immer an Blackhawk beteiligt, macht all seine Versprechungen unglaubwürdig.“

Auch gegenüber der ZEIT gibt sich RWE erst einmal ahnungslos. „Wir wissen nicht, ob wir MTR-Kohle beziehen oder nicht“, behauptet ein Unternehmenssprecher. „Bildlich gesprochen, fährt ein Kohlezug an den Appalachen entlang und sammelt an verschiedenen Stellen Kohle ein. Diese wird vermischt und auf das Schiff gekippt. Man sieht es der Kohle nicht an, woher sie kommt.“

RWE sollte wissen, wohin Blackhawks MTR-Kohle geht. Das Fachmagazin Platt’s Coal Trader zitierte 2014 einen RWE-Sprecher, dass die Handelssparte RWE Supply & Trading einen internationalen Vermarktungsvertrag mit Blackhawk abgeschlossen habe, „um ihre Kohle außerhalb der USA zu verkaufen“. In einer Präsentation vor Investoren aus dem Juni 2015, die der ZEIT vorliegt, bezeichnete der Geschäftsführer der RWE Supply & Trading Blackhawk als „attraktives“ Investment und sprach von „exklusiven Vermarktungsrechten und Abnahmeoptionen für Kohle“.

Die Deutschen erhofften sich wohl glänzende Geschäfte. Wächst doch niemand in der Branche so aggressiv wie Blackhawk. Systematisch hat das Unternehmen aus Kentucky in den vergangenen Jahren die historische Krise der Branche ausgenutzt. Angesichts der Konkurrenz durch Fracking-Erdgas und rapide sinkender Marktpreise mussten viele US-Kohlefirmen Insolvenz anmelden. Und immer wieder kaufte Blackhawk ihre Förderstätten auf. Laut mehreren Dokumenten der US-Minenaufsicht, die der ZEIT vorliegen, kontrolliert Blackhawk, teils zusammen mit der RWE-Tochter RWE Trading Americas, heute schon mindestens ein Dutzend MTR-Minen. Das US-Unternehmen reagierte nicht auf mehrere Gesprächsanfragen der ZEIT. Gegenüber dem Finanznachrichtendienst Bloomberg hatte Blackhawk-Chairman Nick Glancy vergangenes Frühjahr erklärt: „Wir wären an ziemlich allen Deals interessiert, die sich ergeben.“

Die Deutsche Bank organisiert das Kapital für Blackhawk

Wieso hat RWE diese ungezügelte Expansion mitgemacht? Auf eine direkte Anfrage der ZEIT zu Blackhawk schreibt eine Konzernsprecherin: „Als Minderaktionär haben wir auf solche Entscheidungen naturgemäß keinen Einfluss.“ Die Beteiligung sei „eine Finanzbeteiligung, kein strategisches und/oder operatives Investment“. Die Trading-Sparte erwarte sich von derlei Engagements aufgrund ihrer „Kenntnisse über die Energie- und Rohstoffmärkte in einer mittleren Frist eine Wertsteigerung“. Unmittelbare Lieferbeziehungen zwischen Blackhawk und RWE gebe es nicht, das Vermarktungsabkommen habe man Mitte 2015 beendet. RWE sei außerdem Mitglied der Bettercoal-Initiative – in der sich 13 europäische Energieversorger zusammengeschlossen haben –, „um die Arbeits- und Umweltbedingungen in den Kohleminen direkt zu verbessern“.

Bei Blackhawk gebe es da noch eine Menge zu tun. Denn nach den Übernahmen drückt der neue Eigner oft erst einmal die Kosten. Mal zahlt er betriebliche Pensionsverträge nicht weiter, mal kürzt er Gehälter, mal entlässt er Dutzende Mitarbeiter.

Wie konnte Blackhawk überhaupt inmitten der Kohlekrise das Geld für all die Zukäufe auftreiben? Hierfür mitverantwortlich ist die Deutsche Bank. Mindestens 1,2 Milliarden Dollar hat sich Blackhawk laut Bloomberg seit 2012 in sieben Tranchen von Gläubigerkonsortien geliehen, um zu expandieren. Und bei sämtlichen Kreditpaketen spielte das deutsche Finanzinstitut eine führende Rolle: als Konsortialführer, Broker und/oder Gläubiger.

„Die Deutsche Bank stellt keine direkte Finanzierung für ›Mountaintop Removal‹ zur Verfügung“, behauptet sie auf ihrer Homepage. Wie passt dieses Gelöbnis zu den Krediten für Blackhawk Mining? „Zu Einzelfällen kann sich die Bank aufgrund des Bankgeheimnisses nicht äußern“, sagt ein Sprecher. Gerade habe das Institut aber in einem neuen Nachhaltigkeitsbericht die Kriterien für die Kohlefinanzierung verschärft. „Die Deutsche Bank wird sich weltweit aus der Finanzierung von Unternehmen zurückziehen, die Mountaintop Removal betreiben“, kündigt der Sprecher an.

Es wäre höchste Zeit. Denn für die beiden deutschen Konzerne könnte es bald ungemütlich werden. Wie die RWE-Geschäftsberichte andeuten, schreibt Blackhawk offenbar seit Jahren rote Zahlen. Der US-Kohlemarkt ist übersättigt, die Preise sind am Boden. Die Rating-Agentur Standard & Poor’s hat ihr Kreditwürdigkeitsurteil für Blackhawk auf Bitten des Unternehmens im November zurückgezogen. Damit lässt sich kaum noch von außen einschätzen, wie zahlungsfähig es ist.

Sollte Blackhawk das Schicksal vieler Wettbewerber ereilen und das Unternehmen ebenfalls pleitegehen, wäre das MTR-Investment für RWE und die Deutsche Bank nicht nur ein ökologisch fragwürdiges Abenteuer gewesen. Es wäre auch ein ökonomisches Debakel.

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