Das letzte Kind von Tschernobyl


Nach dem GAU im Atomkraftwerk wird eine Bewohnerin der Todeszone schwanger. Jahrelang muss sie um ihr Kind kämpfen. Von Claus Hecking und Tetiana Ihnatenko

Tschernobyl – Irina* hatte Glück, dass der Doktor sie für einen Tumor hielt, als sie noch ein Fötus war. Sonst wäre sie vielleicht nie zur Welt gekommen. Irina ist das Tschernobyl-Baby: das erste, einzige und wohl auch letzte Kind, das nach dem GAU im Katastrophengebiet geboren und aufgewachsen ist. Heute ist sie 16 Jahre alt. Die einen sehen in ihr ein Zeichen der Hoffnung, die anderen einen Tabubruch. Ein Kind im verstrahlten Sperrgebiet: Das war immer unvorstellbar.

Bis heute hat Irina nicht mit Journalisten gesprochen, aus Angst, sie werde ihr Stigma niemals los. Ihre Mutter Olga Boiko* aber redet. 1993 kam sie nach Tschernobyl, sie fand dort einen Job als Verkäuferin in einem Laden für Kraftwerksmitarbeiter und quartierte sich in einer verlassenen Kate am Stadtrand ein. Als sie einige Jahre später, im April 1999, wegen Schmerzen im Unterleib das Krankenhaus aufsuchte, war sie 46 Jahre alt. Diagnose: Myom, Wucherung der Gebärmutter.

Als der vermeintliche Tumor in ihrem Bauch zu treten beginnt, ahnt Olga Boiko, dass sie kein Geschwür im Bauch hat, sondern ein Kind. Aber zum Arzt traut sie sich nicht mehr. Dass im Sperrgebiet Menschen wohnen, damit hatte man sich in der Ukraine abgefunden. Aber ein Neugeborenes, mitten in der Todeszone? Das galt als Skandal. In Westeuropa ließen nach dem GAU in Tschernobyl Tausende schwangere Frauen ihr Kind abtreiben, aus Angst vor Fehlbildungen. Olgo Boiko aber brachte ihres zur Welt, um vier Uhr morgens, heimlich, auf einem Tisch in ihrer Hütte. Der Vater des Kindes schnitt die Nabelschnur mit einer Schere durch.

Am übernächsten Tag geht die Mutter wieder arbeiten, ihrem Chef sagt sie nichts. Erst anderthalb Wochen später meldet sie das Kind der Zonenverwaltung. Ärzte untersuchen das Baby: Es ist gesund. Ärger bekommt Olga Boiko trotzdem. »Immer wieder kamen Leute und forderten uns auf, aus der Zone wegzuziehen«, erzählt sie. »Aber ich wusste nicht, wohin.«

Auch ihr Chef setzt die Mutter unter Druck. Irgendwann schlägt er ihr vor, in die Bezirksstadt außerhalb der Zone zu fahren, um eine Geburtsurkunde erstellen zu lassen. Auf dem Rückweg trifft Olga Boiko zufällig ihren völlig betrunkenen Partner, Irinas Vater. Der sagt, fremde Männer hätten in der Zwischenzeit das Baby entführt, in ein Dorf außerhalb der Zone. Dort findet die Mutter ihr Kind, in einer ungeheizten Hütte, mit Fieber. Auf dem Rückweg schmuggelt sie das Baby unter ihren Kleidern an den Wachposten vorbei.

Die Behörden verbieten der Mutter Interviews, ein Staatsanwalt versucht, den Eltern das Sorgerecht zu entziehen – weil Tschernobyl kein geeigneter Ort sei, um ein Kind großzuziehen. Marias Vater flüchtet sich in Alkohol, die Mutter wehrt sich gegen die Behörden. Schließlich weisen die Richter die Klage ab. Irina bleibt im Sperrgebiet.

So erzählt Olga Boiko ihre Geschichte. Sie hat die Prozessunterlagen gesammelt, zeigt die Geburtsurkunde: Irina Boiko*, geboren am 25. August 1999. Ort: Tschernobyl. Jahrelang ist sie das einzige Kind im Sperrgebiet. Ein verschlossenes, aber freundliches Mädchen, sagen Nachbarn. Statt mit Gleichaltrigen habe die Kleine mit Erwachsenen gespielt, mit Katzen und Hunden. Schon mit fünf Jahren habe sie Bücher gelesen. Wie viele illegale Siedler isst sie Gemüse aus dem Garten. Besondere Krankheiten haben Ärzte bei ihr bislang nicht festgestellt. Die Zonenverwaltung äußert sich zurzeit nicht zum Fall.

Als Irina das Schulalter erreicht, wollen die Behörden das Tschernobyl-Kind in eine Sonderschule geben. Die Mutter setzt durch, dass Irina auf eine normale Schule in der Bezirksstadt Ivankiv kommt. Unter der Woche übernachtet sie bei Bekannten. Als Mitschüler erfahren, woher sie kommt, hänseln sie Irina.

Heute ist Irina eine junge Frau. Vergangenen Sommer hat sie die Schule abgeschlossen, als eine der Klassenbesten. Sie besucht nun eine Oberschule in Kiew, Schwerpunkt Wirtschaft. An den Wochenenden fährt sie zu ihrer Mutter, nach Hause. Nach Tschernobyl.

(*Namen von der Redaktion geändert)

Irina* will nicht im Bild gezeigt werden – aus Angst vor Stigmatisierung

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