„Da geht es um knallharte chinesische Interessenpolitik“


Wie gefährlich ist ein Ausverkauf deutscher Technologie in die Volksrepublik? Deutschlands führender China-Experte Sebastian Heilmann fordert Gegenwehr

DIE ZEIT: Professor Heilmann, der chinesische Konzern Midea steht kurz davor, den deutschen Roboterbauer Kuka komplett zu schlucken. Doch das Wirtschaftsministerium erklärt, es werde die Übernahme womöglich auf seine Vereinbarkeit mit dem Außenwirtschaftsgesetz prüfen. Stoppt Sigmar Gabriel den Deal in letzter Minute?

Sebastian Heilmann: Nein. Dazu fehlen die Instrumente im Außenwirtschaftsgesetz. Das Wirtschaftsministerium kann allenfalls bemängeln, dass Kuka-Roboter auch in der Rüstungsproduktion eingesetzt werden – weil das Fragen der Sicherheit Deutschlands betreffen kann. Gabriel hat aber recht, wenn er die Kuka-Übernahme zum Anlass nimmt, die Prüfinstrumente gegenüber staatlich gelenkten Investitionen zu schärfen. Nur so können wir einen systematischen Ausverkauf von Industrietechnologien an China verhindern.

ZEIT: Niemand zwingt die Kuka-Aktionäre zu verkaufen. Wieso muss da der Staat eingreifen?

Heilmann: Während ausländischen Investoren in China zentrale Zukunftsbranchen verschlossen bleiben, betreibt die Regierung in Peking groß angelegte Förder- und Finanzierungsprogramme: mit dem Ziel, ausländische Technologieführer aufzukaufen und chinesische Kontrolle über die wichtigsten Industrietechnologien zu erlangen.

ZEIT: Was meinen Sie damit?

Heilmann: Vergangenes Jahr hat Peking das Programm »Made in China 2025« verabschiedet. Bis 2025 soll die Volksrepublik eine führende Rolle in Hochtechnologiemärkten erobern, etwa bei Robotik, künstlicher Intelligenz, Luft- und Raumfahrt, Elektromobilität oder gentechnisch hergestellten Medikamenten. Wollen wir zuschauen, wie Hochtechnologie aus Deutschland und Europa per Regierungsprogramm abgezogen wird?

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Der Trierer Ökonom und Sinologe Sebastian Heilmann (51) leitet seit 2013 das Mercator Institute for China Studies in Berlin.

ZEIT: China ist doch noch oft weit hinten dran

Heilmann: Eben. Das Land kann mit eigenen Kräften die führende Rolle nicht schnell genug erreichen. Daher streben Regierung und Industrie ein »Leap-Frogging« an: Sie überspringen Entwicklungsstufen, indem sie ausländisches Know-how übernehmen. »Made in China 2025« lässt sich als staatlich verordnete Einkaufsliste lesen.

ZEIT: Aber Kuka wird von einer privaten Firma gekauft.

Heilmann: Stimmt. Doch in vielen anderen Fällen treten Staatskonzerne als Kaufinteressenten auf, zum Beispiel der Chemieriese ChemChina beim Spezialmaschinenhersteller Krauss-Maffei und beim Kohlefaserspezialisten SGL Carbon oder Shanghai Electric beim Maschinenbauer Manz.

ZEIT: Manche deutsche Unternehmen konnten das Geld gut gebrauchen.

Heilmann: Mir geht es nicht darum, chinesische Investoren völlig aus Deutschland herauszuhalten – im Gegenteil. Die Betriebe bekommen frisches Kapital und oft verbesserten Marktzugang nach China. Aber die Politik muss eine Antwort darauf geben, ob wir Schlüsseltechnologien Investoren überlassen, die mit staatlichem Geld operieren und gezielt ausländische Marktführer verdrängen wollen. Das hat mit offenem Wettbewerb nichts mehr zu tun. Da geht es um knallharte nationale chinesische Interessenpolitik.

ZEIT: Was könnte die deutsche Politik konkret dagegen tun?

Heilmann: Wir müssen von ausländischen Investoren eine viel striktere Offenlegung von Finanzierungs- und Subventionsstrukturen verlangen. Das gilt ganz besonders für Beteiligungen staatlicher Konzerne. Es wäre für Deutschland verheerend, wenn unsere industrielle Basis ausgehöhlt würde. Chinas asymmetrische Wirtschaftspolitik, die ausländische Firmen und Investoren benachteiligt, muss korrigiert werden.

„Der geplante Umbau läuftt nicht wie gewünscht“

ZEIT: Als vor einigen Monaten die Börsenkurse in Shanghai und Shenzhen abstürzten, warnten Ökonomen wie Sie vor einem Wachstumseinbruch. Jetzt aber haben sich Chinas Aktienmärkte einigermaßen stabilisiert. Die Realwirtschaft auch?

Heilmann: Nein. Chinas Wirtschaft ist in einer sehr schwierigen Lage. Der angestrebte Umbau läuft nicht wie gewünscht. Weg von der Schwerindustrie, den Staatskonzernen und einfachen Fabrikjobs, hin zu Dienstleistungen, innovationsgetriebenen Branchen mit höherer Wertschöpfung – so lautete der Plan. Aber bei den Innovationen geht es nur in Informations- und Biotechnologien wirklich voran. Das reicht nicht, um den Einbruch der alten Industrie und der Exporte zu kompensieren.

ZEIT: Woran hakt es?

Heilmann: Weite Teile der chinesischen Industrie waren jahrzehntelang auf Massenproduktion getrimmt. Billige Arbeitskräfte stellten mit einfachen Handgriffen billige Exportgüter her. Selbst beim iPhone, das in China montiert wurde, blieb der lokale Anteil an der Wertschöpfung gering. Aber um höhere Wertschöpfung zu erreichen und innovative Produkte zu entwickeln, braucht das Land andere Strukturen: qualifizierte Ingenieure und Facharbeiter, Unternehmen mit starken eigenen Forschungs- und Entwicklungsabteilungen, einen produktiven Privatsektor mit genug Kapital und der Bereitschaft, langfristig zu investieren. Solche Umwälzungen können Jahrzehnte dauern.

ZEIT: Laut »Made in China 2025« soll der Umbruch schon in neun Jahren vollendet sein.

Heilmann: Man kann Innovation und Wandel nicht per Regierungsprogramm verordnen. Die Impulse müssen aus der Wirtschaft kommen, von unten. Aber viele private Industriebetriebe investieren zurzeit nicht: aus Angst, dass Binnen- und Exportmärkte kurzfristig schwach bleiben. Innovationen brauchen einen langfristigen Horizont. Für solch kostspielige Investitionen in Forschung und Entwicklung kommen Chinas private Unternehmen allerdings oft kaum an Kapital.

ZEIT: Und die Staatskonzerne?

Heilmann: Sie haben weitaus leichter Zugang zu Geld. Und sie investieren auch dann, wenn die Marktlage schlecht ist, die Regierung es aber anordnet. Chinas Staatskonzerne sind keine eigenständig handelnden, marktgetriebenen Unternehmen, sondern weisungsabhängige staatliche Wirtschaftseinheiten. Da läuft vieles gewaltig schief: gerade wenn es um Innovationen geht.

„Viele Zombiefirmen werden durch Überwälzung alter Kredite am Leben gehalten“

ZEIT: Konkreter bitte.

Heilmann: In Chinas Wirtschaft gibt es ein außergewöhnliches Phänomen: eine Art »Kampagnenfieber«. Wenn Peking neue Programme beschließt, stürzen sich viele Wirtschaftsakteure zugleich auf einige wenige in den Programmen definierte Technologiefelder – weil sie dafür leicht an Kapital kommen und um sich bei der politischen Führung beliebt zu machen. Zurzeit entwickeln Dutzende Kommunalregierungen und Konzerne gleichzeitig die Robotik, weil Peking diese als Zukunftsindustrie definiert.

ZEIT: Machen dann alle dasselbe?

Heilmann: Genau: Sie nehmen Schulden auf, duplizieren die Geschäftsmodelle anderer und bauen rasend schnell Überkapazitäten auf. Das sind verschwenderische Kampagnen, zurückzuführen auf das traditionelle Planungssystem der Kommunistischen Partei. Wohin so ein Fieber führen kann, zeigt die Solarbranche. Dort hat China zwar den Weltmarkt erobert. Aber viele seiner Solarunternehmen sind nach einem verheerenden Preiskrieg überschuldet oder insolvent. Überhaupt gibt es in China viele Zombie-Firmen, die nur durch Überwälzung alter Kredite am Leben erhalten werden.

ZEIT: Und was passiert, wenn die Zombies gar nicht mehr zurückzahlen können?

Heilmann: Viele Risiken werden in Bilanzen von Unternehmen, Banken oder staatlich gestützten Vermögensverwaltern verschleiert. Vor allem regionale Finanzinstitute sind Meister im Verschieben und Verdecken uneinbringlicher Kreditschulden. Die Risiken in Chinas Finanzsystem sind gewaltig. Noch aber trägt die implizite Garantie, dass die Regierung bedrohliche Pleiten verhindern wird.

ZEIT: Wie reagiert die Führung auf das nachlassende Wachstum?

Heilmann: Sie versucht, mit neuen Stimulusprogrammen die Konjunktur anzukurbeln – und verzögert so den Strukturwandel. Wir erleben gerade ein Comeback der alten, staatlich getriebenen Infrastruktur- und Anlageinvestitionen.

ZEIT: Werden wir bald neue Geisterstädte sehen?

Heilmann: Ich habe eine sechsseitige Liste voller gigantischer Projekte für Straßennetze, Bahnlinien und sonstige Bauten gesehen, die Chinas Führung bis 2018 plant und finanziert. Dabei ist das Land vielerorts schon jetzt gepflastert mit moderner Infrastruktur und Immobilien, die niemand braucht.

ZEIT: Den Staatskonzernen bringt das Aufträge.

Heilmann: Es hübscht kurzfristig Bilanzen und die Wachstumsstatistik auf. Aber das ist kein gesundes Wachstum. Wir hören, dass manche Staatsbetriebe neue Fabrikhallen bauen, bei denen schon jetzt klar ist, dass sie nie gebraucht werden. Diese Firmen werden krank gepäppelt: Ihre Schulden wachsen doppelt so schnell wie die Profite.

„Eine Vertrauenskrise könnte die Regierung kaum stoppen“

ZEIT: Sie klingen extrem pessimistisch. Aber China hat für den Fall der Fälle 3200 Milliarden Dollar Währungsreserven auf der hohen Kante.

Heilmann: Die Reserven sind enorm, aber vor zwei Jahren waren es noch 4000 Milliarden. Viele Wohlhabende misstrauen der Führung und bringen Geld außer Landes. Schauen Sie mal auf den Währungsmarkt. Der Renminbi ist gerade gegenüber dem US-Dollar auf den tiefsten Stand seit sechs Jahren gestürzt.

ZEIT: Erwarten Sie einen China-Crash?

Heilmann: Es gibt zwei denkbare Szenarien. Im moderaten Szenario werden Chinas Wachstumsraten beständig abfallen, bis sie dauerhaft niedrig sind, ähnlich wie einst in Japan. Nur wird China auf einem niedrigeren Entwicklungsstand sein als Japan 1990. Wir müssen uns dann auf neue gesellschaftliche und politische Spannungen einstellen.

ZEIT: Und wie sieht das andere Szenario aus?

Heilmann: Eine für jeden ersichtliche Finanzkrise könnte ausbrechen: ausgelöst durch eine Häufung von Zahlungsausfällen in Chinas riskantem Markt für Unternehmensanleihen und im Schattenbankensystem. Sollte dort eine Vertrauenskrise um sich greifen, könnte die Regierung sie kaum stoppen.

Die Fragen stellte Claus Hecking

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